Bildung für nachhaltige Entwicklung unter (Schul-)Zwang – geht das überhaupt?

Unser Pflichtschulmodell beruht auf einem Menschenbild und der Überzeugung, dass Menschen notfalls zum Lernen gezwungen werden müssen, weil sie aus eigenem Antrieb nicht die Dinge lernen, die sie für ein verantwortliches Miteinander in der Gesellschaft brauchen. Doch kann eine Bildung zur globalen Verantwortung unter Zwang überhaupt erfolgreich sein?

In diesem Artikel möchte ich anhand der Auseinandersetzung mit den Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen erläutern, warum Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) Freiwilligkeit braucht und warum sich Schulen und Universitäten zu Wandlungsräumen entwickeln sollten, damit dort freiwilliges Engagement für eine lebenswerte Zukunft gefördert wird.

Auf dem BNE-Portal finden wir folgende Definition von Bildung für nachhaltige Entwicklung:

Gemeint ist eine Bildung, die Menschen zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigt: Wie beeinflussen meine Entscheidungen Menschen nachfolgender Generationen oder in anderen Erdteilen? Welche Auswirkungen hat es beispielsweise, wie ich konsumiere, welche Fortbewegungsmittel ich nutze oder welche und wie viel Energie ich verbrauche? Welche globalen Mechanismen führen zu Konflikten, Terror und Flucht? Bildung für nachhaltige Entwicklung ermöglicht es jedem Einzelnen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Man kann Menschen vielleicht dazu zwingen, bestimmte Informationen aufzunehmen, um sie in Prüfungen wiederzugeben. Aber kann man Menschen zwingen, den eigenen Konsum-, Lebens- und Ernährungsstil zu reflektieren, zu hinterfragen und zu ändern? Kann man Menschen dazu zwingen, sich freiwillig zu engagieren und global-verantwortungsvolle Entscheidungen für ihr eigenes Handeln zu treffen?

Alle Menschen, denen wir diese Frage stellten, verneinten das. Das kann man nicht! Menschen ändern ihre Konsumgewohnheiten nur freiwillig!

Wenn BNE also Erfolg haben will – dann sollten wir uns Menschenbild sowie unser Misstrauen in die Entwicklungsfreudigkeit junger Menschen grundlegend überdenken. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel der Strukturen unseres Bildungssystems. Schulen und Universitäten sollten sich zu Wandlungsräumen entwickeln, wo freiwilliges Engagement für eine lebenswerte Zukunft sowie global-verantwortliches Handeln im Alltag gefördert werden.

 

Wir brauchen neue (Schul-)Modelle!

In Bayern gelten die Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen. Darin heißt es:

„Wie bei jedem Lernen verknüpfen sie [gemeint sind Kinder und Jugendliche] ihre Vorerfahrungen mit neuen Anforderungen und müssen Wissen, Verständnis und Haltungen letztlich selbst aufbauen.

[…] Sachwissen bleibt aber folgenlos, wenn die Schülerinnen und Schüler seinen Sinn für ihr persönliches Leben nicht erkennen, sich emotional nicht angesprochen fühlen und sich nicht in die Lage anderer versetzen können. Kreativer und ästhetischer Zugang zu Umwelt und Natur sind ebenso Säulen einer Bildung für Nachhaltigkeit.

[…] Hervorgehobenes Ziel ist es, die Trennung von Lernen und Handeln und die beklagte Kluft zwischen verbal geäußertem Umweltbewusstsein und dem praktischen Handeln zu überwinden. Deshalb sollen die jungen Menschen über ihre Konsumgewohnheiten und Interessen nachdenken. Sie sollen Lebensstile hinterfragen und Lebensformen kennen lernen, die umweltgerecht und zukunftsfähig, also nachhaltig sind.“ (S. 1-2)

Innere Haltungen bauen Menschen nur aus eigenem Antrieb, also freiwillig, auf. Nur wenn wir den Sinn in einer Sache sehen und uns emotional angesprochen fühlen, nur wenn wir uns in andere hineinversetzen können, also Empathie und Mitgefühl einüben, entwickeln wir einen inneren Antrieb, uns selbst zu reflektieren und zu verändern. Doch niemand kann uns dazu zwingen, denn jegliche Veränderung in diesem Sinne ist freiwilliges Engagement!

Zwei zehnjährige Mädchen habe nach einem Ferienprojekt freiwillig und aus eigenem Antrieb ihre Vision für einen lebenswerten Planeten der Zukunft aufgeschrieben.

Es gibt deutschlandweit lediglich eine einzige Schule, eine Berufsschule, die von der UNESCO als Lernort für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet wurde. Keine einzige bayerische Schule hat diese Auszeichnung bisher erhalten. Insofern sollte die bayerische Regierung eigentlich dankbar sein, wenn engagierte Menschen neue Schulmodelle erproben, wie zum Beispiel die Sudbury Schule, eine freie-demokratische Schule in München. Das innovative Konzept dieser freien, demokratischen Schule zeigt, dass Lernen aus eigenem Antrieb funktioniert. Wenn es dort gelänge, modellhaft aufzuzeigen, dass die Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen, die bisher laut Nachfrage beim Kultusministerium noch wenig umgesetzt sind, besonders vorbildlich umgesetzt werden, dann wäre das zukunftsweisend für BNE. Dort, wo junge Menschen freiwillig und aus eigenem Antrieb lernen, besteht die große Chance, ein besonders hohes Maß an Verantwortungs- und Demokratiebewusstsein sowie freiwilliges Engagement zu fördern.

Doch leider muss die Schule aktuell darum kämpfen, wieder genehmigt zu werden. Sie war von der Regierung nach zwei erfolgreichen Schuljahren 2016 geschlossen worden, nachdem sie nach Kriterien der Regelschulen begutachtet wurde.  Um wieder eröffnen zu dürfen, muss die Schule vor Gericht ihr zukunftsweisendes Konzept verteidigen.

Veränderungen von Innere Haltungen und Konsumgewohnheiten, freiwilliges Engagement, Partizipationsfähigkeit, Gerechtigkeitssinn und sozial-globales Verantwortungsbewusstsein sind natürlich auch viel schwieriger zu messen, als schulische Leistungen, die die Regelschulen einfordern. Doch genau auf solche Veränderungen, auf solche global-soziale Kompetenzen kommt es an, wenn BNE Erfolg haben will. Wenn wir wirklich wollen, dass Schulen sich zu Lernorten für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung entwickeln, dann ist ein Umdenken auf allen Ebenen erforderlich. Dann sollten Schulen dahingehend begutachtet und unterstützt werden, wie sie sich am besten zu Wandlungsräumen entwickeln können, wo Menschen Erfahrungen mit neuen Formen des Miteinanders auf Augenhöhe sammeln und die in den Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen genannten Einstellungen und Haltungen entwickeln können.

Schützer der Erde e. V. wurde 2016 und 2017 als ein solcher Lernort für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung von der UNESCO ausgezeichnet. Darum kennen wir die hohen Kriterien, an denen sich Lernorte messen müssen. Um als Lernort für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung in der höchsten Kategorie ausgezeichnet zu werden, mussten wir darlegen, wie unser Whole institution approach aussieht, also wie und inwiefern wir das vorleben, was wir an Kinder, Jugendliche oder Erwachsene weitergeben. Wir mussten einen Wirkbericht vorlegen, in dem wir darlegen sollten, woran wir die Wirkungen unserer Projekte, Workshops und Seminare im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung evaluieren und nachweisen.

Wir mussten uns den folgenden Fragen stellen:

  • Wann und von welcher Stelle / welchem Gremium wurde ein Beschluss zu BNE gefasst?
  • Und wie werden die Steuerung, Umsetzung und das Berichtswesen realisiert (Beteiligte wie z.B. Steuerungsgruppe, Lernende, Eltern usw.)?

BNE Auszeichnungsveranstaltung: Schützer der Erde e. V.- Kornelia Haugg, Leiterin der Abteilung Berufliche Bildung, Lebenslanges Lernen im BMBF (l), Prof. Dr. Verena Metze-Mangold, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission (7.vl), Prof. Dr. Gerhard de Haan, Wissenschaftlicher Berater der Nationalen Plattform BNE (2.vl), Thomas Müller-Schöll (3.vl), Hanna Stanke (5.vl), Jana Hesse (6.vl), Celine Lorenz (4.vl). Berlin, 27.11.2017, Copyright: BNE/Thomas Koehler/photothek.net

Daraus ergibt sich, dass jede Schule zunächst gemeinsam mit der gesamten Schulgemeinschaft unter Einbeziehung von Lernenden, Eltern, Lehrenden und allen sonstigen Beteiligten eine gemeinsame Vision und einen gemeinsamen Beschluss fassen müsste, dass sich die Schulgemeinschaft freiwillig dafür entscheidet, zu einem Lernort des Wandels zu werden.

Unser Wandlungs(t)räume-Team unterstützt Schulen und außerschulische Lernorte, die sich zu Lernorten des Wandels entwickeln wollen, auf diesem Weg mit einem Visions- und Gemeinschaftsbildungstag sowie weiteren Maßnahmen.

An Schulen, die wirklich demokratisch funktionieren, wo Kinder und Jugendliche ein echtes Mitsprache und Mitentscheidungsrecht haben, ist die Chance, dass ein solcher Prozess in Gang kommt, folglich am größten. Denn dort sind es alle Beteiligten gewohnt, sich selbstverantwortlich und aus eigenem Antrieb Ziele zu setzen und sie umzusetzen.

Wenn wir die Ergebnisse der Schulbildung von Generationen anschauen, dann müssen wir zu dem einzigen Schluss kommen: Wir haben Menschen gebildet, die unseren Planeten an den Rand des Kollapses getrieben haben und treiben und die ihn in unverantwortlicher Weise tagtäglich schädigen. Angesichts der drohenden Szenarien, die uns die Wissenschaft vor Augen hält (Klimawandel, Fluchtbewegungen, Insektensterben usw.), angesichts der Bedrohungen für das Überleben der Menschheit auf unserem Planeten, sind radikale Veränderungen notwendig. Denn:

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. (Albert Einstein)

Wir brauchen daher neue Schulmodelle. Wir brauchen Schulmodelle, in denen junge Menschen von klein auf bestmöglich mitbeteiligt werden und dabei lernen, Verantwortung zu tragen – lokal und global. Wir brauchen Schulmodelle, die junge Menschen dabei unterstützen, sich so verantwortungsvoll, zukunftsfähig und gerecht zu verhalten, dass die Ziele einer Bildung für nachhaltige Entwicklung verwirklicht werden. Wir brauchen Schulmodelle, die junge Menschen auf der Basis von Freiwilligkeit zu freiwilligem Engagement für den Schutz der Erde einladen.

Warum Schulen zu Wandlungsräumen werden müssen

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) steht mittlerweile in den Curricula aller Bundesländer. Ziel des UNESCO-Weltaktionsprogramms ist es, BNE zu verstetigen. Doch wenn wir die Qualitätskriterien einer BNE untersuchen, die die Voraussetzung für eine Auszeichnung im UNESCO-Weltaktionsprogramm sind, wenn wir Best-Practice-Kriterien einer BNE beachten, wie sie im Projekt ANU2000 erarbeitet wurden – dann stellt sich die Frage:

Können die Ziele einer BNE eigentlich erreicht werden, solange

  • Bildungsangebote in der Schule nicht auf Freiwilligkeit beruhen?
  • Bildungsangebote an der Universität lediglich im Bereich der Theorie stattfinden, die Verbindung von Wissen und Handeln, das Ausprobieren von neuen Wegen und Ideen, jedoch nicht Teil des Studienprogramms sind?

Im Folgenden nenne ich einige Kriterien, deren Erfüllung wir nachweisen mussten, um als Lernort für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung im UNESCO Weltaktionsprogramm  ausgezeichnet zu werden. Außerdem nenne ich weitere Kriterien, die unseres Erachtens erfüllt sein sollten, damit Schulen und Universitäten zu Wandlungsräumen werden, in denen Lernende zu Beteiligten werden, die von klein auf Selbstverantwortung, Partizipation und direkte Demokratie lernen und einüben.

 

Partizipation – Begegnung auf Augenhöhe

„Zu den zentralen neuen Zielen von Umweltbildung gehört es vielmehr, Kinder und Jugendliche zu befähigen, dass sie altersangemessen aktiv am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben (Partizipation) und es mitgestalten können (Gestaltungskompetenz).“ (Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen).

Doch was bedeutet Partizipation wirklich? Partizipation braucht als Grundlage eine innere Haltung, die Lernende / Teilnehmende als Mitwirkende und Beteiligte ansieht und behandelt, die ihnen auf Augenhöhe in echter Partnerschaftlichkeit begegnet.

Warum duzen Erwachsene Kinder selbstverständlicherweise, umgekehrt aber wird das als „respektlos“ empfunden? In diesem Artikel gehe ich darauf ein, welches Menschenbild hinter dieser von uns für so normal gehaltenen Einstellung steckt und wie wir das ändern können.

Echte Partizipation braucht Räume der Begegnung, in denen Menschen nicht mehr einander zum Objekt machen, beurteilen, bewerten, Macht ausüben, sondern in denen echtes, demokratisches Handeln auf Augenhöhe eingeübt wird. Das setzt selbstverständlich Freiwilligkeit voraus. Wenn wir Menschen dazu zwingen, sich gegen ihren freien Willen mit bestimmten Themen und Inhalten befassen zu müssen, dann ist dies keine Grundlage, auf der Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander, Kritikoffenheit, Selbstverantwortung und Selbstreflexion sowie ein echtes, demokratisches Bewusstsein entsteht.

 

Qualitätssicherung

Wenn wir also die in den Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen genannten Kriterien sowie die Auszeichnungskriterien für BNE ernst nehmen, dann brauchen wir eine Kultur der Freiwilligkeit und des ehrlichen Feed-Backs. Wenn wir Schüler*innen und Studierende als Beteiligte ansehen und behandeln, deren Kritik erwünscht, geachtet und wertgeschätzt wird – ohne dass sie Angst vor negativen Konsequenzen haben müssen, wenn sie sie äußern, dann ist dies ein grundlegender Schritt, damit ein Wandlungsraum entstehen kann, in dem sich Menschen ihrer Wandlungsträume für eine lebenswerte, gerechte Zukunft bewusst werden und den inneren Antrieb entwickeln, sie umsetzen zu wollen.

Wenn wir Schüler*innen und Schüler genauso ernst wie Kund*innen oder Teilnehmende im Erwachsenenalter nehmen, wenn Lehrkräfte sie nach Rückmeldungen zur Qualität ihres Unterrichts befragen würden, wäre das eine Riesenchance, die Qualität pädagogischen Arbeit zu steigern und Schüler*innen auf Augenhöhe zu begegnen.

Wenn Kinder und Jugendliche die Freiheit und die Macht bekämen, dem Unterricht fern zu bleiben, wenn er von ihnen als langweilig und sinnentleert empfunden wird, dann müssten Schulen anfangen, ihre Konzepte an den Bedürfnissen und Interessen aller Beteiligten auszurichten. Dann bliebe Lehrkräften gar nichts anderes übrig, als die durch das Fernbleiben erhaltene Rückmeldung dazu zu nutzen, gemeinsam mit den Beteiligten daran zu arbeiten, dass sich die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität ihres Bildungsangebots verbessert.

 

Empathie & Einfühlungsvermögen

In den Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen heißt es:

“Umweltbildung hat also den ganzen Menschen mit seinem Gefühl, seinem praktischen Können und seinem Sachverstand im Blick („Herz, Hand und Kopf“).” (S. 2)

Natur soll als Quelle von Wert-, Sinn- und Glaubenserfahrungen erlebt werden. Natur erfahren, begreifen und staunen – das soll dazu beitragen, dass junge Menschen “Ehrfurcht vor der Schöpfung und Dankbarkeit” entwickeln und sich des “Eigenwerts der natürlichen Mitwelt” sowie der „Ambivalenz des Fortschritts” bewusst werden.

Doch wie sieht die Realität in den Regelschulen aus? Wo gehört es fest zum Schulprogramm, dass Kinder und Jugendliche regelmäßig an naturpädagogischen Aktivitäten mitwirken und ihre Gefühle und Beziehung zu Natur und Tieren vertiefen dürfen?

Was wir brauchen, sind Wandlungsräume, in denen wir einen achtungs- und verantwortungsvollen Umgang mit allen Lebewesen, die Achtung vor allem Leben, einüben und ihn Kindern und Jugendlichen vorleben. Wenn junge Menschen Beziehungen zu Natur und Tieren – und darüber auch zu Mutter Erde – aufbauen, dann fördert das die Liebe zur Erde und den inneren Antrieb, die Erde schützen zu wollen. Liebe kann nicht erzwungen werden, aber wir können die Bedingungen, dass sie wächst, fördern, in dem wir auf Freiwilligkeit basierende Angebote machen.

 

Selbstwirksamkeit – Persönlichkeitsstärkung

In den Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen heißt es:

“Deshalb soll Umweltbildung dazu anleiten, durch demokratische Mitwirkung im heimatlichen Umfeld an einer Lösung von Umweltproblemen mitzuarbeiten. Darüber hinaus sollen sich die jungen Menschen bewusst werden, dass sie von weltweiten Problemen, z. B. von Klimaveränderungen oder Schäden der Ozonschicht persönlich betroffen sind. Zu dieser globalen Sicht gehört, dass sie sich der Verantwortung für Gerechtigkeit in der „Einen Welt“ bewusst werden und sich mit ihren Mitteln für gerechte Lösungen einsetzen.” (S. 2)

„Durch demokratische Mitwirkung im heimatlichen Umfeld an einer Lösung von Umweltproblemen mitarbeiten“ – das klingt gut. Doch auch hier stellt sich die Frage:

  • Sind Schulen Wandlungsräume, in denen Kinder und Jugendliche eigene Themen, eigene Fragen, eigene Ideen einbringen und sich damit auseinandersetzen dürfen?
  • Erhalten sie Freiräume, die sie nutzen können, um ein Thema – einen eigenen Wandlungstraum – zu finden?
  • Bieten Schulen ergebnisoffene Experimentier- und Gestaltungsräume, in denen junge Menschen auf freiwilliger Basis herausfinden können, wofür sie brennen, wofür sie sich begeistern, welcher Herausforderung sie sich stellen und an welchen selbst gewählten Aufgaben sie wachsen wollen?

Schülerfirmen bieten dafür zum Beispiel gute Möglichkeiten. Sie stärken die Persönlichkeit und bieten Erfahrungen der Selbstwirksamkeit. Schülerinnen und Schüler engagieren sich darin freiwillig, weil sie es wollen. Wir brauchen Schulmodelle, wo wir jungen Menschen zutrauen, dass sie auf die gleiche Weise ihr gesamtes Schulleben gestalten – auf freiwilliger Basis!

 

Freiwillige Wissensaneignung statt „Wissensvermittlung“

Kann man Menschen eigentlich überhaupt dazu zwingen, bestimmte Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und zu verinnerlichen?

Oder kann man nicht lediglich Informationen anbieten, und  die Beteiligten bestimmen dann selbst, ob sie diese zur Basis freiwilliger Wissensaneignung machen wollen – oder auch nicht?

Aus unserer jahrelangen Erfahrungen mit Kinder- und Jugendprojekten, die auf freiwilliger Teilnahme beruhen, wissen wir, dass es vor allem darauf ankommt, Interesse an einem Thema zu wecken, das uns selbst begeistert. Wenn wir Begleiter*innen selbst für ein Thema brennen und authentische Vorbilder sind, wenn wir anderen die Freiheit lassen, unsere Einladung, sich mit unserem Thema zu befassen, anzunehmen oder auch nicht, dann können wir mit unserem Vorbild sowie mit Impulsen Problembewusstsein und Eigenmotivation fördern. Das kann dazu führen, dass ein Mensch sich freiwillig mehr mit einem Thema  beschäftigen will, es sich zueigen macht und sich daraufhin Wissen freiwillig aneignet.

 

Freiwilliges Engagement

„Letztlich können sie [Anmerkung: die Schüler*innen] begreifen, dass die Grundlage einer nachhaltigen Entwicklung das respektvolle, emotional verankerte Verständnis für Natur und Mitwelt sowie die Ehrfurcht vor der Schöpfung ist.“ (Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen, S. 2)

Ehrfurcht vor der Schöpfung, ein respektvolles, emotional verankertes Verständnis für Natur und Mitwelt kann jedoch nur auf freiwilliger Basis entstehen. Wir sollten uns bewusst machen: Jede noch so kleine Verhaltensänderung, die zum Schutz der Erde beiträgt, ist freiwilliges Engagement! Freiwilliges Engagement braucht einen inneren Antrieb, Eigenmotivation. Damit diese wachsen kann, braucht es eine Atmosphäre des Vertrauens, der Wertschätzung, der Freiwilligkeit und der Mitverantwortlichkeit. Und das ist – wie leicht einzusehen ist – dort am besten gegeben, wo Lernen auf der Basis von Freiwilligkeit, in einem demokratischen Miteinander und gegenseitiger Wertschätzung geschieht.

 

Kreativität

Ziel der BNE sowie der Richtlinien für die Umweltbildung an bayerischen Schulen ist die Förderung von Gestaltungskompetenz. Die Fähigkeit, das Gemeinwesen kreativ mitgestalten zu können, erfordert jedoch Wandlungsräume, in denen alle Beteiligten auch möglichst optimale Möglichkeiten zu einer solchen Mitgestaltung haben. Nur wenn alle Beteiligte (Lernende, Lehrende, Eltern, …) die Chance haben, eigene Ideen der Veränderung einbringen zu können, solche Ideen ernst genommen und umgesetzt oder zumindest Freiräume geschaffen werden, in denen die entstandenen kreativen Ideen von denen, die dafür brennen, umgesetzt werden können, wird das Feuer entfacht, das Kreativität erblühen lässt. Dort wo wir selbst aus eigenem Antrieb motiviert sind, wo wir ein Problem, das wir erkannt haben, lösen oder / und etwas Neues in die Welt bringen wollen, ist Kreativität nicht nur gefragt, sondern entwickelt sich auch am meisten. Felix Finkbeiner hat im Alter von 9 Jahren eine weltweite Bewegung – plant-for-the-planet – ins Leben gerufen. Mehr als 100.000 Kinder auf der ganzen Welt verfolgen mittlerweile ein gemeinsames Ziel – Bäume zu pflanzen für eine lebenswerte Zukunft.

Damit so etwas nicht nur ein Ausnahmefall bleibt, brauchen wir schulische Strukturen, die allen Beteiligten die Möglichkeit bieten, mitbestimmen und mitgestalten zu können, eigene Ideen entwickeln und umsetzen zu dürfen, um im Tun durch Versuch und Irrtum lernen zu dürfen. Dieses Prinzip des selbstbestimmten Lernen und Handelns auf freiwilliger Basis brauchen wir auf allen Ebenen unserer schulischen und außerschulischen Bildungslandschaft.

 

Fazit: Freiwilligkeit ist das Veränderungspotenzial der Zukunft

Wirkliche Veränderungen funktionieren nur, wenn sie auf freiwilliger Basis entstehen, wenn die Beteiligten sie als ihre eigenen Entscheidungen empfinden, wenn sie mit ihren Sichtweisen, Ideen und Rückmeldungen einbezogen wurden.

Ein Bildungsprogramm oder –projekt, das von Teilnehmenden nicht freiwillig gewählt wird, ist nichts wert. Es wird nur eine minimale oder gar keine Wirkung haben.

Es genügt also definitiv NICHT, unserem gegenwärtigen Bildungssystem noch eine kleine Prise Bildung für nachhaltige Entwicklung hinzuzufügen oder ein Umweltbildungsfeigenblatt. In Schulen und Universitäten verinnerlichen Menschen seit Jahrzehnten das allgegenwärtige „Höher, Schneller, Weiter“. Hier wurden und werden Lebensweisen geprägt, die auf der Ausbeutung von Mensch und Natur, besonders im Globalen Süden, basieren. Bildungsräume zementieren häufig soziale Ungleichheiten anstatt zu überwinden.

Um eine lebenswerte Zukunft für alle Lebewesen zu sichern, braucht es einen grundlegenden Bildungswandel. Dazu gehören insbesondere neue Schulmodelle, die auf dem Vertrauen basieren, dass Menschen sich freiwillig bilden wollen.

Und es braucht selbstverständlich neue Bildungsmöglichkeiten für schulische und außerschulische Multiplikator*innen. Aus diesem Grund haben wir das Wandlungs(t)räume-Projekt entwickelt. Es bietet pädagogischen Nachwuchskräften die Möglichkeit, sich Kompetenzen anzueignen, um Bildungsräume zu Wandlungsräumen zu gestalten und auf diese Weise Menschen zu helfen, ihre eigenen Wandlungsträume für eine bessere, gerechtere Zukunft unseres Planeten zu erkennen und zu verwirklichen.

Mehr Informationen darüber findest du hier: http://wandlungstraeume.de/

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