Bildung kreativ neu gestalten

Wie wünschst Du Dir eine Uni der Zukunft?

Viele Studierende wünschen sich, ihr Studium

  • möglichst frei,
  • selbstbestimmt,
  • eigenverantwortlich,
  • ohne Sorge um Geld,
  • ohne sogenannte Sachzwänge,
  • ohne Angst oder Druck
  • in einem möglichst hierarchiefreien Raum und
  • mit der Möglichkeit, sich selbst sowie eigene Projekte erproben zu können.

Sie erhoffen sich zu Recht, dass sie unter solchen Bedingungen ihr Potential voll entfalten können.

 

Kreativitätstest – wie kreativ bist Du? Bist Du ein kreatives Genie?

Bevor Du Deine eigene Kreativität spielen lässt, um einen innovativen Vorschlag für solche Wünsche zu entwickeln, empfehle ich Dir, folgenden Kreativitätstest zu machen:

Wie viele Verwendungsmöglichkeiten fallen Dir für eine Büroklammer ein?

Sollten Dir mehr als eine bestimmte Anzahl eingefallen sein, wirst Du von der Wissenschaft als Genie angesehen. Dieser Test wurde mit 1500 Personen ausgeführt – zunächst mit Kindergartenkindern.

  1. Was schätzt Du, wie viele davon das Genie-Niveau erreichten?
  2. Was schätzt Du, wie viele davon das Genie-Niveau fünf Jahre später erreichten (8-10 Jahre alt)?
  3. Was schätzt Du, wie viele davon das Genie-Niveau weitere vier Jahre später erreichten (13-15 Jahre alt)?

Wenn Du die Antwort auf diese Fragen wissen und verstehen möchtest, warum wir Bildung völlig neu denken müssen, dann solltest Du Dir den folgenden Film anschauen. Die Antwort auf diese 3 Fragen findest Du auch am Ende dieses Artikels:

Bildung völlig neu denken

 

Rollen neu definieren

Um eine Antwort auf die oben genannten Wünsche von Studierenden zu finden, müssen wir Hochschulbildung völlig neu denken. Dieser Herausforderung stellen wir uns im Experiment Selbstlernstudiums in Bildung zum Schutz der Erde / Mitweltpädagogik. Als Eckpfeiler für dieses Experiment haben wir zwar einen offiziellen Rahmen – den Bundesfreiwilligendienst – gewählt. Doch diesen Rahmen können die Beteiligten neu definieren. Offiziell gibt es bei einem Bundesfreiwilligendienst Bundesfreiwillige und Arbeitgeber, aber die Beteiligten können sich auch so definieren, dass sie alle Teil eines sozialen, gemeinnützigen Projektes sind, in dem sie als SozialunternehmerInnen handeln und sich in dieser Rollendefinition auf Augenhöhe sehen und begegnen. Wenn wir alte Rollenmuster neu definieren wollen, erfordert dies allerdings Kreativität und die Fähigkeit, quer denken zu können.

Es handelt sich um einen allseitigen Prozess, im Rahmen dessen alle Beteiligten die Bereitschaft und Offenheit brauchen,

  • Bestehendes, Altbekanntes und eingefahrene Rollenmuster immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen,
  • sich selbst zu reflektieren und zu verändern,
  • bereit zu sein, konstruktive Kritik zu äußern und anzunehmen,

Nur dann kann sich eine neue Form des Miteinanders entwickeln und ein soziales Projekt entwickeln, das von allen Beteiligten als Gemeinschaftsprojekt angesehen wird.

Die Aufgabe von Coaches / LernbegleiterInnen in einem solchen Prozess liegt darin, den anderen Beteiligten so viel Freiraum, so viel Verantwortungsübernahme zu ermöglichen und so partizipativ vorzugehen, dass alle Beteiligten Schritt für Schritt immer mehr Verantwortung übernehmen können und sich auf diese Weise eine Hierarchie, die normalerweise immer in Gruppen vorhanden ist, abbaut.

Die Mitverantwortlichen, die in mehr Verantwortung hineinwachsen wollen, haben die Aufgabe,

  • sich selbst nicht als „abhängig Beschäftige“, als „Bundesfreiwillige“ zu sehen, die eine bestimmte Arbeitszeit nach den Vorgaben einer Organisation (Arbeitgeber) absolvieren müssen und
  • das, was sie tun, nicht als „Job“ anzusehen, den sie ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

 

Forschung in der Praxis – Handlungsforschung

In unserem sozialen Experiment ist es wichtig, dass alle Beteiligten ihre Rolle neu definieren, dass sich also alle als Mitverantwortliche oder Hauptverantwortliche sehen und dass Schritt für Schritt alle in die Gesamtverantwortlichenrolle hineinwachsen können, wenn sie dies wollen. Wir definieren uns also nicht als „Chefs“ und „Untergebene“, nicht als „abhängig Beschäftige“ und „freie UnternehmerInnen“, nicht als Arbeit“nehmerInnen“ und Arbeitgeber“geberInnen“, sondern als Freilernende und Freiwirkende. ALLE Beteiligten sind Freilernende und Freiwirkende – und zwar mit der Forschungsfrage:

„Ist es möglich, dass junge Menschen ohne den Rahmen und den Druck einer Bolognareform ein selbstbestimmtes Studium mitentwickeln und mitgestalten können, durch das sie Schritt für Schritt immer mehr Erfahrungen und Kompetenzen entwickeln, um eigenständig Projekte der Bildung zum Schutz der Erde entwerfen und umsetzen zu können?“

Ziel dieses Praxisforschungsprojektes ist es, dass dabei Menschen heranwachsen, die nicht nur in der Lage sind, sich selbst zu reflektieren, sondern die auch gelernt haben, was freies Lernen bedeutet, damit sie in diesem Sinne Vorbild für Kinder, Jugendliche oder andere MultiplikatorInnen sein können.

Ziel ist es auch, dass die beteiligten Menschen im Laufe der Zeit immer mehr Kompetenzen entwickeln, um die Rolle von PionierInnen des Wandels, von SozialunternehmerInnen, übernehmen zu können, die in der Lage sind, selbst eigene soziale, gesellschaftsverändernde (Bildungs-)projekte sowie neuartige pädagogische Einrichtungen zu entwickeln.

 

Wie sieht das in der Praxis aus? Grundsatz-, Rahmen- und Ergebnisziele

In der Praxis funktioniert das so, dass alle Beteiligten sich darüber austauschen, welche Träume, welche Ziele, welche Visionen sie haben und zunächst klären, ob ihre Grundsatzziele übereinstimmen. Denn die Grundlage für jedes Unternehmen, für jedes gemeinsame Team ist ein gemeinsames Leitbild und eine gemeinsame Zielrichtung.

Im nächsten Schritt ist es wichtig, dass alle Beteiligten ihre eigenen Lern- und Wirk- und For­schungs­ziele überlegen. Dabei sollte es sich um recht konkrete Rahmen- und Ergebnisziele handeln.

Rahmenziele könnten beispielsweise sein, dass

  • im Rahmen des Freilernens und Freiwirkens im Laufe eines Jahres kostenlose Kinderprojekte entstehen,
  • dabei eine Vernetzung mit Kooperationspartnern erfolgt und
  • freiwillig mitwirkende MultiplikatorInnen kostenlos ausgebildet werden.

Ein Rahmenziel ist ein Ziel, das innerhalb eines bestimmten zeitlichen und inhaltlichen Rahmens erreicht werden kann – z.B. innerhalb eines Jahres.

Innerhalb dieser Rahmenziele sollten wir dann konkrete Ergebnisziele überlegen. Das bedeutet, wir überlegen uns, wie viele Kinderprojekte, mit wie vielen Kindern, mit wie vielen und welchen Kooperationspartnern sowie mit wie vielen freiwilligen MultiplikatorInnen wir anstreben.

Wenn alle Beteiligten ihre selbst gewählten Ziele wiederum miteinander abgleichen, dann wird sich daraus in einem partizipativen Prozess ein gemeinsamer Frei-Lern- und Wirkplan ergeben, den alle Beteiligten gleichberechtigt mitentwickelt haben und den sie gleichermaßen im Herzen tragen (sollten).

Auf diese Weise wird klar, dass alle Menschen, die nur mit einer kürzeren Zeitperspektive Teil des Modellprojekts werden wollen – z.B. als HospitantInnen, Kurzzeitpraktikantinnen, ProjektpraktikantInnen, als Traineekräfte etc. – in anderen Rollen mitwirken, die wiederum gemeinsam neu definiert werden müssten.

Workshop-BRainstorming

Selbst gewählten Ziele miteinander abgleichen und daraus in einem partizipativen Prozess einen gemeinsamen Frei-Lern- und Wirkplan erstellen

 

Chancen für einen Bildungswandel

Was kann sich aus einem solchen Modellprojekt entwickeln? Wenn wir ein solches Experiment wagen, so deshalb, weil es Vorbildfunktion für viele andere Menschen haben kann. Es könnte sich ergeben, dass

  • im Laufe der Jahre an immer mehr Standorten immer mehr freilernende und freiwirkende Teams von jungen Menschen entstehen, die sich in Bildung zum Schutz der Erde in Eigenregie aus- und weiterbilden wollen.
  • Diese könnten von Erdschützercoaches an unterschiedlichen Standorten begleitet werden.
  • Wenn sie dies wollen, könnten sie ebenfalls in einer Wohngemeinschaft wohnen, wenn gewünscht auch gemeinsam mit einem Erdschützercoach.

Mit Erdschützercoaches sind Menschen gemeint, die über ausreichende praktische Erfahrungen und Kenntnisse in der Entwicklung und Umsetzung von Projekten der Bildung zum Schutz der Erde verfügen und somit Vorbild, BegleiterIn und BeraterIn für andere sein können, die sich auf den Weg machen, ebenfalls Schritt für Schritt in die Rolle von Erdschützercoaches hineinzuwachsen.

So könnten an verschiedenen Standorten, insbesondere dort, wo es Universitäten und somit Möglichkeiten der Kooperation gibt, ähnliche Freilern- und Freiwirkgemeinschaften entstehen, die wie Sozialunternehmen handeln.

 

Warum eine sozialunternehmerische Einstellung so wichtig ist

Schülerfirmen werden – meines Erachtens zu Recht – als besonders erfolgreiche Methode gepriesen, um Kompetenzen für eine zukunftsfähige Entwicklung aufzubauen. Prof. de Haan bezeichnet diese als Gestaltungskompetenz. Gestaltungskompetenz nach de Haan[1] meint:

„Mit Gestaltungskompetenz wird das nach vorne weisende Vermögen bezeichnet, die Zukunft von Gemeinschaften, in denen man lebt, in aktiver Teilhabe im Sinne nachhaltiger Entwicklung modifizieren und modellieren zu können.“

Das Bildungskonzept der Gestaltungskompetenz umfasst verschiedene Teilkompetenzen:

  • Vorausschauendes Denken, Umgang mit Zukunftsszenarien und Entwürfen: mit Unsicherheit umgehen können; Chancen und Risiken von aktuellen und künftigen Entwicklungen einschätzen können; Kreativität, Phantasie, Imaginationsvermögen; Phänomene in ihrem weltweiten Kontext erfassen können; Neu-Denken, Quer-Denken, Denken in Alternativen.
  • Kompetenz, interdisziplinär zu arbeiten und verschiedene Blickwinkel zu vernetzen: Erkennen und Verstehen von Systemzusammenhängen; Umgang mit Komplexität; vernetztes Denken; Problemorientierung.
  • Prozesse planen und umsetzen können, sich vernetzen können: Fähigkeit, gedachte Veränderungen auch in Handeln umzusetzen; planen können; Netzwerke bilden; Nebenfolgen und Überraschungseffekte mitdenken;
  • Fähigkeit zu Empathie, Mitleid und Solidarität: Nach globaler Gerechtigkeit streben wollen; globales „Wir-Gefühl“; Interesse an Menschen in anderen Weltregionen und Bereitschaft voneinander zu lernen.
  • Verständigungskompetenz und Fähigkeit zur Kooperation: gemeinsam Lösungen diskutieren und erarbeiten; Konflikte aushalten; Kommunikationsfähigkeit; transkulturelle Verständigung; Konsensbildung.
  • Kompetenz, sich und andere motivieren zu können: Ausdauer; Frustrationstoleranz; Chancen zur Teilhabe erkennen und wahrnehmen wollen; auf andere zugehen.
  • Kompetenz zur distanzierten Reflexion über individuelle und kulturelle Leitbilder: eigene Wünsche erkennen und reflektieren; das eigene Verhalten als kulturell bedingt und veränderbar wahrnehmen können; Auseinandersetzung mit kulturellen Leitbildern.

Es leuchtet ein, dass derartige Kompetenzen im Rahmen einer Schülerfirma besonders gut trainiert werden können.

Genau dieses Prinzip der Schülerfirma übertragen wir auf die Freilern- und Freiwirkgemeinschaften. Denn auch diese können quasi als „Unternehmen auf Probe oder auf Zeit“ tätig werden – ohne die Sachzwänge und den Existenzdruck, der dadurch entsteht, dass der eigene Lebensunterhalt mit dem eigenen Wirken bestritten werden muss. Ähnlich wie bei den Schülerfirmen können sich die Beteiligten in einem geschützten Rahmen kreativ zu frei lernenden SozialunternehmerInnen entwickeln, aber ohne, dass Geld oder der Druck, Geld verdienen zu müssen, eine Rolle spielt.

In derartigen Freilern- und Freiwirkgemeinschaften sollen die Beteiligten sich in einem Rahmen entwickeln und ihr Potential bestmöglich entfalten können, in dem sie ihre gesamte Energie auf das gemein­same Ziel bündeln können. Sie sollen also frei von dem Druck sein, Geld durch „Nebenjobs“ erarbeiten zu müssen. Die Rahmenbedingungen sollen es erlauben, das, was uns wirklich am Herzen liegt, umzusetzen, so, wie wenn es bereits ein bedingungsloses Grundein­kommen gäbe. Die Aufgabe aller Beteiligten solcher Freilern- und Freiwirkgemein­schaften ist es, derartige Bedingungen selbst zu schaffen.

Möglicherweise fragst Du nun: Schön wär’s – aber wie soll das gehen?

Querdenken und Querhandeln ist gefragt! Wer gelernt hat, sich auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren und mit wenig Geld auszukommen, ist klar im Vorteil.

Es werden ja Unmengen von Lebensmitteln weggeworfen oder Früchte, die uns die Natur überreichlich schenkt, verkommen einfach, weil Menschen zu bequem oder zu reich sind, sich die Mühe zu machen, sie zu ernten. Es gibt Umsonstläden oder Kleidertauschparties. Es gibt so viele Möglichkeiten, um keine oder möglichst wenig neue Nachfrage nach Konsumartikeln zu schaffen. Wer solche Möglichkeiten nutzt, handelt auch absolut nachhaltig und ökologisch.

 

Quadratur des Kreises?

Vielleicht denkst Du nun: Alles schön und gut, aber ich brauche doch einen staatlich anerkannten Bildungsabschluss, idealerweise einen Hochschulabschluss, damit ich in dieser Gesellschaft bestehen und auch gestaltend wirken kann, z.B. durch das Gründen neuer pädagogischer Einrichtungen. Frei lernen und frei wirken, aber dennoch einen staatlich anerkannten Bachelor oder Master erwerben – das scheint wohl wie die Quadratur des Kreises zu sein.

Gewiss, wenn Du einen solchen anerkannten Hochschulabschluss erwerben willst, dann musst Du einen gewissen Kompromiss eingehen. Du hast dann die Möglichkeit, nebenher in Deinem eigenen Lerntempo, z.B. an der Fernuni Hagen, einen Bachelor oder Master in Bildungswissenschaften zu absolvieren oder Du kannst eine externe Erzieherprüfung ablegen, wenn Du vorab genügend praktische pädagogische Erfahrung gesammelt hast.

Das ist dann ein gewisser Kompromiss, der jedoch die Möglichkeit eröffnet, im eigenen Tempo zu studieren und kreativ nach Synergien zu suchen, das heißt, das Pflichtsoll mit der Kür, dem eigenen freien Lernen und Wirken zu verbinden.

Und warum sollte es langfristig nicht möglich sein, gemeinsam mit einem Fernstudienanbieter ein Studienprogramm zu entwickeln, das es Studierenden ermöglicht, Bildung für nachhaltige Entwicklung oder Bildung zum Schutz der Erde frei lernend und selbstbestimmt an beliebigen Standorten zu erlernen, um so auch im theoretischen Bereich genau das lernen zu können, was sie auch gerne lernen wollen, weil sie einen Sinn darin sehen.

So. Nun bist Du dran. Schicke uns Deine „Wenn und Abers“, Deine kreativen Vorschläge oder einen Kommentar. Wir freuen uns darauf!

_______

Antwort auf die 3 Fragen:

98% der Kindergartenkinder, 32% der Schulkinder im Alter von 8-10 Jahren und nur noch 10% der Jugendlichen im Alter von 13-15 Jahren waren kreative Genies. Es handelte sich um eine Längsschnittstudie, das heißt, die gleichen Kinder wurden in unterschiedlichen Altersstufen getestet. Man sieht also eine eindeutige Tendenz.

 

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