Das geheime Netz – Bist Du ein Teil davon?

Versuche Dir vor Deinem geistigen Auge einmal eine Welt vorzustellen, in der es unmöglich ist, etwas zu verbergen, zu verheimlichen, zu verschleiern oder andere Menschen zu belügen, weil alle Menschen die Fähigkeit gewonnen haben, „hinter die Dinge“ zu schauen. Alle Deine Gedanken und Gefühle wären für Deine Mitmenschen ein offenes Buch. Aber nicht nur das. Auch jedes Produkt, jedes Kleidungsstück, Schmuckstück, Lebensmittel, das Du zu kaufen gedenkst, würde Dir „seine Geschichte erzählen“. Das heißt, in dem Moment, wo Du das Produkt in die Hand nehmen würdest, könntest Du diese Geschichte vor Deinen inneren Augen wahrnehmen.

Lebensnetz

Das geheime Netz sichtbar machen – Thema des Kinderferienprojekts

In einer gläsernen Welt sähe diese bestimmt anders aus

Wenn wir in einer solch „gläsernen Welt“ leben würden, dann wäre das so, als ob alle Schlachthäuser, alle Tierversuchslabore, Pelzzuchtfarmen, Tierfabriken etc. hinter gläsernen Wänden mitten in unserem Leben stünden. Aber auch die ausgebeuteten und hungernden Kinder, die Menschen, die in anderen Ländern als Billiglohnsklaven moderner Art unsere Billigprodukte herstellen, wären plötzlich nicht mehr weit weg, sondern durch unsere „gläserne Sicht“ würden wir direkt ihr Leid, ihre Not und ihre Qualen mitbekommen. Vor Deinem inneren Auge würdest Du die Flugzeuge sehen, die mit ihren Pestiziden Bananenplantagen und die darin tätigen Arbeiter und Arbeiterinnen besprühen. Wenn Du Bananen aus konventionellem Anbau in die Hand nähmst, wäre die ganze Kette von Leid, die sich daraus ergibt, für Dich sichtbar: Missgeburten, Missbildungen, Verseuchung des Wassers, Krankheiten, Nöte, vergiftete Tiere und vieles mehr.

Du würdest Dir vielleicht ein Bio-Ei oder Biomilch kaufen wollen, um Dein Umweltbewusstsein zu zeigen, doch vor Deinem inneren Auge würdest Du Millionen von männlichen Küken sehen, die bei lebendigem Leibe vergast oder geschreddert werden. Du würdest vor Deinem inneren Auge das große Leid von Kuhmutter und Kälbchen wahrnehmen, die gleich nach der Geburt getrennt werden und noch wochenlang nacheinander rufen. Doch all’ dies würdest Du nicht nur mit Deiner „gläsernen Innenschau“ wahrnehmen, sondern gleichzeitig auch alles, was Du wahrnimmst, so fühlen, wie wenn es Dir selbst geschehen würde.

Du könntest Niemandem mehr etwas vormachen und umgekehrt könnte auch Dir Niemand mehr etwas vorgaukeln oder Dich belügen. Was „hinter den Kulissen“ geschieht, wäre für Dich, aber auch für jeden anderen Menschen sichtbar.

Die Welt sähe dann bestimmt anders aus.

 

Wir wachsen von klein an mit einem geheimen Netz auf – und finden das normal

Wenn wir uns Kinderbücher anschauen, werden wir feststellen, dass es vielerlei Titel wie z.B. „Vom Korn zum Brot“ gibt, kaum aber „vom Schwein zur Wurst“ – und wenn, dann allenfalls als Werbebroschüre des Berufsverbands Schweinevermarktung. Darin wird dann allerdings ein schönes Leben auf dem Bauernhof vorgegaukelt, aber nichts davon erzählt, dass kleine Ferkel ohne Betäubung kastriert werden, die Schweine auf Spaltenböden in qualvoller Enge und Langeweile leiden usw.

Wir werden also alle von klein auf mit einem „geheimen Netz des Lebens“ konfrontiert. Was wir Menschen vermutlich selbst unmoralisch und gewalttätig finden, das verstecken und verschleiern wir – und halten es vor allem vor unseren Kindern fern. Diese könnten dadurch ja traumatisiert werden. Erstaunlicherweise ziehen die meisten Menschen daraus allerdings nicht die Konsequenz, das, was sie Kindern nicht zumuten können, zu boykottieren. Auch der Schritt zur Wahrheit wäre derzeit politisch nicht durchsetzbar, indem z.B. Betriebe dazu verpflichtet würden, die wahren Hintergründe der Produktion in Bildern auf ihren Produkten zu veröffentlichen. Lediglich bei Zigaretten hat der Gesetzgeber verordnet, dass auf den Verpackungen stehen muss: Rauchen gefährdet ihre Gesundheit.

Lebensnetz

Beziehungen im Lebensnetz sichtbar machen – welche Qualitäten sollen unsere Beziehungen haben?

Der tiefere Sinn des Kinderferienprojekts „Das geheime Netz“

In diesem Jahr werden wir ein Kinderferienprojekt der ganz besonderen Art durchführen: „Reise zum Planeten der Zukunft – Das geheime Netz“. In der Ausschreibung heißt es:

Die Kinder stehen dabei vor einem Rätsel: Wer das geheime Netz, das alles Leben verbindet, nicht kennt, ist in Gefahr… so jedenfalls steht es auf der Seite eines uralten Zauberbuches. Was ist das für ein Netz und welche Möglichkeiten, es zu durchschauen, gibt es? Worin besteht die Gefahr und für wen? Aber vor allem – was kann man tun, um die Gefahr zu bannen? Bei einem spannenden Naturabenteuer erfahren die Kinder Schritt für Schritt mehr darüber, was womit zusammenhängt.

Oberflächlich geht es dabei um das ökologische Konzept des Lebensnetzes bzw. des Nahrungsnetzes, um ein „Modell für die linearen energetischen und stofflichen Beziehungen zwischen verschiedenen Arten von Lebewesen“ (wikipedia). So abstrakt – ohne den Bezug zu uns selbst und zu dem oben erläuterten „Geheimen Netz“ – wird dies auch im Biologieunterricht in der Schule gelehrt. Klar, es gibt Nahrungsketten, Nahrungsnetze, in denen Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander verbunden sind. Wenn Gift in dieses Nahrungsnetz eingeleitet wird, hat dies Auswirkungen auf das gesamte Netz. Es kann in Gefahr geraten, indem Arten aussterben, Gifte in die Nahrungskette gelangen u. v. m.

Es geht aber auch darum, wie die Beziehungen von Menschen, Tieren und Pflanzen in der Natur sind, welche Qualitäten diese Beziehungen haben (z.B. Symbiose (gegenseitige Abhängigkeit), Konkurrenz, einer hilft dem anderen, Fressen und Gefressenwerden, …). Auch das kann auf der fachlichen Ebene rein naturwissenschaftlich – ohne Bezug zu uns selbst – beschrieben werden.

 

Beziehungen in der Natur als Spiegel für die eigene Selbstreflexion

Doch bei unserer Projektarbeit geht es um mehr. Es geht darum, wie aus der Erkenntnis und dem Wissen derartiger Zusammenhänge eine konkrete Veränderung unseres Konsum- und Lebensstils sowie unserer Beziehungen untereinander sowie zu Tieren und Natur erfolgen kann. Insofern ist das Thema dieses Erlebnisprojektes nicht nur ein Spiel, sondern eine Spielgeschichte mit wahrem und tieferem Hintergrund. Alle Beteiligten sollen dabei dazu angeregt werden, selbst die Motivation zu entwickeln, um das, was uns verheimlicht und verschleiert wird, zu hinterfragen, selbst zu recherchieren, um das geheime Netz mehr zu durchschauen und um zu prüfen, ob wir das, was wir durch unser Geld, durch unser Tun, durch unsere Energie unterstützen, mit unseren eigenen moralischen und ethischen Prinzipien übereinstimmt.

Auch die Beziehungen, die wir in der Natur beobachten (Symbiose, einer hilft dem anderen, Konkurrenz usw.) könnten wir als Spiegel ansehen und uns fragen: wie sieht die Qualität meiner eigenen Beziehungen zu Mitmenschen, Tieren und Natur aus? Wo verhalte ich mich nach dem Recht des Stärkeren? Wo nehme ich meinen Mitmenschen als Konkurrenz, als Bedrohung, als Fremden wahr oder wo ist es mir gelungen, echte geschwisterliche, freundschaftliche, empathische und kooperative Beziehungen aufzubauen?

Gerade die vielen neuen sozialen Basisbewegungen wie Foodsharing, solidarische Landwirtschaft, Couchsurfing, Tauschringe, Gib und Nimm–Börsen, Umsonstläden, Schenkparties, Pumpipumpen, Regionalwährungen, das Artabana-Krankenkassen-Modell, Vegan-Buddies, aber auch Trampen / Carsharing / Mitfahrzentralen – das alles sind Ansätze für einen möglichen Wandel von zwischenmenschlichen Beziehungen, die auf gegenseitigem Vertrauen und gegenseitiger Hilfe aufbauen. Ansatzweise wird hier sichtbar, wie eine Welt von morgen aussehen könnte, die nicht mehr auf dem Recht des Stärkeren, der Konkurrenz, der Abgrenzung und Gleichgültigkeit aufbaut, sondern Menschen direkt verbindet sowie freundschaftliche, solidarische Beziehungen fördert – und dadurch auch Ressourcen spart.

Wenn wir tiefer schauen, werden wir allerdings auch die Frage stellen: Warum gibt es überhaupt ein geheimes Netz? Warum lassen wir es zu, dass uns so viel vorgegaukelt, verschleiert und verheimlicht wird? Und wo sind wir selbst Teil des geheimen Netzes, weil wir bestimmte Dinge vor anderen verheimlichen, vertuschen, verschleiern, weil wir anders reden, als wir denken und fühlen? Somit können wir uns z.B. die Fragen stellen:

  • Wem gegenüber sind wir nicht offen und ehrlich?
  • Was wollen wir vor anderen verbergen und verheimlichen?
  • Wer ist uns gleichgültig, wen werten wir ab oder auf?
  • Wo diskriminieren wir selbst noch und nehmen anderen ihre Rechte?
  • Wem „schmieren wir Honig ums Maul“?

Könnte es sein, dass wir deshalb in einer Welt leben, in der wir leider nicht hinter die Dinge schauen, uns täuschen und belügen lassen, weil wir selbst Teil des geheimen Netzes sind? Weil uns dies so normal erscheint, denken die meisten Menschen wenig oder gar nicht darüber nach und finden sich damit ab. Jeder ist sich selbst der Nächste – das erscheint uns als normal. Dass einer den anderen betrügt, belügt, hinter dem Rücken des anderen schlecht redet, dass das Ungute schön geredet wird, das alles erscheint uns als normal und wird darum selten hinterfragt.

Hinzu kommt, dass das, was man nicht anschauen will, meist verdrängt wird: die eigene dunkle Seite, das eigene inkonsequente, unmoralische und andere schädigende Verhalten. Je länger diese Verdrängung passiert, desto schwerer fällt es vielen Menschen, sich selbst ehrlich so anzuschauen, wie sie wirklich sind.

Wenn wir uns also auf ein Kinder- und Jugendprojekt wie „Das geheime Netz“ innerlich vorbereiten wollen, wenn es uns darum geht, andere anzuregen, sich selbst und ihre Beziehungen zu ihrer Mitwelt zu hinterfragen, dann könnten wir selbst den Anfang machen und uns tagtäglich selbst beobachten: Wann, wo und warum sind wir selbst Teil des geheimen Netzes? Oder anders: Könnten wir alle unsere Gedanken und Gefühle offen aussprechen, ohne andere zu verletzen? Wenn nein, was verheimlichen wir vor unseren Mitmenschen und warum? Wie wollen wir uns ändern, um offene, ehrliche, positive und förderliche Beziehungen zu unserer gesamten Mitwelt aufzubauen?

Dies wären dann wirklich alltagstaugliche Fragestellungen, die nicht nur dazu führen, dass wir bewusster auf unseren Konsum- und Lebensstil achten, alternative Handlungsmöglichkeiten ausloten und ausprobieren, sondern auch uns selbst zu Menschen verändern, die immer offener, ehrlicher, fairer, gerechter und liebvoller mit ihren Mitmenschen, Tieren und Natur umgehen.

 

Wenn du möchtest, mach mit und probier es aus:

  • Beobachte Dich eine Woche lang unter der Fragestellung, wo und wann bin ich Teil des geheimen Netzes?
  • Was kann ich konkret ändern, um die Qualität der Beziehungen zu meiner Mitwelt zu ändern?

 

Welche Gedanken und Ideen hast Du? Berichte uns gerne darüber in einem Kommentar.

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