Hierarchiefreier lernen, leben und wirken

Warum duzen Erwachsene Kinder selbstverständlicherweise, umgekehrt aber wird das als „respektlos“ empfunden?

Hinter dieser Umgangsform steckt ein Menschenbild, das Menschen in Höherrangige und Niederrangige, in Chefs und Untergebene aufteilt. Dieses Menschenbild ist den meisten Menschen gar nicht bewusst, denn sie sind von klein auf in Strukturen aufgewachsen, die hierarchisch geprägt waren und sind. Die Strukturen und Umgangsformen erscheinen ihnen daher als „normal“. In extremer Weise finden wir solche Strukturen im System Schule, aber auch im System Universität, im System Kirche, in politischen Parteien und vielen anderen Organisationen, die alle streng hierarchisch aufgebaut sind.

Wenn wir alle Menschen, sowohl Kinder, als auch Erwachsene, als gleichwertig ansehen und behandeln wollen, weil unsere Vision einer zukünftigen Gesellschaft Hierarchiefreiheit beinhaltet, dann liegt ein erster Schritt, dieser Vision näher zu kommen, darin, dass Teams / Organisationen sich überhaupt erst einmal das Ziel setzen, möglichst hierarchiefrei miteinander umzugehen und sich alle gleichermaßen wertzuschätzen. Dadurch wird ein Prozess ermöglicht, im Rahmen dessen sowohl diejenigen, die bereits Leitungsverantwortung übernehmen, als auch diejenigen, die mitverantwortlich sind, dazu lernen dürfen.

 

Die Auflösung von Hierarchien ist ein beiderseitiger Prozess

Doch es genügt keinesfalls, wenn sich Teams, Gruppen oder Gemeinschaften das Ziel der Hierarchiefreiheit vornehmen. Die Beteiligten sollten sich auch ihrer verinnerlichten, autoritären, obrigkeitshörigen – also ihrer hierarchischen – Strukturen bewusst werden, sie reflektieren und in einem Prozess der Selbstveränderung auflösen. Wer mitverantwortlich ist und zu einem möglichst hierarchiefreien Raum beitragen möchte, sollte bestrebt sein, das Positive, das hauptverantwortliche Personen vorleben, selbst ebenfalls zu entwickeln: z.B. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbstkritikfähigkeit usw.

Umgekehrt sollten die Hauptverantwortlichen bestrebt sein, Vorschläge, Ideen und Kritik – seien sie von Teilnehmenden bei Seminaren oder von Mitverantwortlichen im Team – absolut ernst zu nehmen. Sie sollten stets bereit sein, das Positive in allem zu entdecken, wo nötig sich selbst neues Wissen anzueignen und sich da kompetent zu machen, wo sie entdeckt haben, dass sie es noch nicht sind.

Weil wir von klein auf gelernt haben, hierarchische Strukturen als normal anzusehen, sind uns unsere eigenen hierarchischen Strukturen meist nicht bewusst. Zum Beispiel:

  • Du äußerst eine Idee nicht, weil Du denkst, dass sie nicht gut sei oder
  • Du denkst, dass die Leitungsperson ja viel mehr Erfahrung hat und sie schon wissen wird, was richtig ist oder
  • Du hast Kritik und befürchtest, dass Du mit Deiner Kritik daneben liegen könntest, sich daraus unschöne Diskussionen und Stimmungen ergeben könnten, woran Du nicht schuld sein willst. Darum sagst Du besser nichts.

Umgekehrt ist es natürlich wichtig, dass die Leitungsperson die Ideen der Beteiligten wertschätzt und nicht als Konkurrenz zu den eigenen Ideen ansieht, sondern alles, was eingebracht wird sowie die beteiligten Personen entsprechend wertschätzt, insbesondere natürlich auch Kritik, selbst dann, wenn sie nicht konstruktiv sein sollte.

Wenn beide Seiten in diesem Sinne daran arbeiten, sich selbst zu reflektieren und sich darum bemühen, die eigenen verinnerlichten, hierarchischen Strukturen zu erkennen und abzulegen, indem sie Schritt für Schritt mehr Verantwortung, Zuverlässigkeit usw. übernehmen, dann entwickelt sich ein immer hierarchiefreierer Raum.

In jedem Team in dem es Hauptverantwortliche oder auch nur einzelne Personen gibt, welche eine bestimmte Idee, ein Projekt oder ein Unternehmen initiiert haben, besteht die Gefahr, dass diese von ihrer eigenen Idee so überzeugt sind, dass sie sich für weitere Ideen nicht öffnen und anderen keinen Raum geben, auch ihre Ideen, Träume und Wünsche einzubringen. Wo das so ist, wird eine Entwicklung hin zur Gleichheit, zur gleichen Verantwortlichkeit und zu einer hierarchiefreien Umgehensweise behindert.

Umgekehrt ist es natürlich problematisch, wenn in einem Team Beteiligte bestimmte Aufgaben, die sie übernommen haben, nicht erfüllen, Termine und Zusagen nicht einhalten oder sich gedanklich sowie real in eine Untergebenenrolle einordnen, im schlechtesten Fall „Dienst nach Vorschrift machen“ oder innerlich kündigen. Durch eine solche Einstellung behindern sie Hierarchiefreiheit ebenfalls.

 

Freiwilliges Engagement als Chance, Hierarchien abzubauen

Gemeinnützige Organisationen, die sehr von freiwilligem Engagement leben, sind besonders gute Lernfelder, um Hierarchien abzubauen. Denn hier wirken Freiwillige nur solange gern und aus eigenem Antrieb mit, solange sie sich als gleichberechtigte Personen wertgeschätzt fühlen. Es besteht hier die große Chance für einen gemeinsamen Lernprozess, wenn alle Beteiligten sich so entwickeln möchten, dass sie eine Leitungsrolle übernehmen können. Ein solcher Prozess ist nicht leicht, weil wir von klein auf – z.B. in der Schule – erfahren haben, dass wir

  • keine echten Partizipationschancen hatten,
  • keine echte Verantwortungsübernahme einüben und
  • keine eigene Ideen umsetzen durften,

weil diejenigen, die in den mächtigeren Positionen waren, z.B. LehrerInnen, uns letztlich mit Noten bewerteten und äußere sowie innere Distanz, z.B. auch durch Umgangsformen wie „Siezen“, geschaffen haben. In solchen Situationen haben wir ein Verhalten erlernt, dass wir uns – z.B. in einem Seminar – nicht als Mitwirkende definieren, sondern als Konsumierende, Teilnehmende, die sich bequem zurücklehnen (dürfen), während andere die Rolle der Motivierenden, Energie gebenden, InitiatorInnen übernehmen.

Wenn Du dir also eine Gesellschaft erträumst, in der

  • die Gleichheit untereinander gelebt wird,
  • sich die Menschen gleichbehandeln,
  • sich nicht mehr gegenseitig auf- und abwerten,
  • sich nicht mehr gedanklich in Rollen von Chefs und Untergebenen einordnen und entsprechend handeln,

dann liegt es an Dir selbst, Deine Schritte der Selbstreflexion zu tun und danach zu handeln. Das wird dann für alle Menschen in Deinem Umfeld spürbar sein, denn Du wirst Dich mitverantwortlich fühlen, gleichgültig, wo Du bist und in welcher Rolle Du auftrittst. Erst dann, wenn Du Deine inneren hierarchischen Strukturen geknackt hast, kannst Du Kindern und Jugendlichen auch wirklich eine neue Kultur, eine hierarchiefreiere Kultur des Miteinanders und Wertschätzens, vorleben. Wenn Du dann Projekte an Schulen umsetzt, wird sich Deine innere Wandlung auch im Äußeren zeigen, indem Du Dich z.B. nicht an die hierarchischen Umgangsformen in Schulen hältst, sondern Kindern anbietest, dass sie Dich Duzen und mit Vornamen ansprechen dürfen.

 

Freies Lernen und Wirken zum Schutz der Erde von klein auf

Wenn Kinder sich in echter Wertschätzung und Freiheit entwickeln dürfen, entwickeln sie ungeahntes Engagement und großartige Ideen. Ein Beispiel:

Mona und Simon, 11 Jahre alt, haben diese Filmclips in Eigenregie nach einem unserer Ferienprojekte erfunden – völlig freiwillig! Sie setzen sich mit Pfiff und Humor für Tierrechte ein – weil sie einen SINN darin sehen. Wenn wir Schulzwang abschaffen und Hierarchien abbauen würden, dann könnten wir ein wertschätzendes Klima schaffen, das Potenzialentfaltung fördert statt behindert. Derartige Kreativität, Verantwortungsübernahme, Begeisterung und freiwilliges Wirken wäre dann keine Seltenheit mehr. Wir brauchen einen Bildungswandel!

 

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