Konflikte bergen Chancen für Bewusstseinswandel

In der sogenannten Umweltbildung oder Bildung für nachhaltige Entwicklung geht es bei vielen Projekten, Angeboten und Programmen leider hauptsächlich um äußerliche Dinge (z.B. Upcycling, Umweltverschmutzung durch Abfälle, …), aber die Chancen zur Selbstreflexion werden oft verpasst. Doch gerade auftauchende Konflikte – z.B. bei einem Abfallprojekt – bieten die großartige Chance, mit Kindern, Jugendli­chen oder Erwachsenen eine faire, gewaltfreie, wertschätzende Kommunikation und Umgangsweise einzuüben. Wie du derartige Konflikte zu Chancen für einen Be­wusst­­seinswandel machen kannst und wie Du an Dir selbst arbeiten kannst – wenn Du das willst –, damit Du als Potentialentfaltungscoach situationsorientiert zur Selbstreflexion anregen kannst, das möchte ich im Folgenden erläutern:

Wer kennt das nicht: In der Gruppe gibt es Kleinkriege. Kinder können sich gegenseitig nicht leiden bzw. Freundespaare wenden sich gemeinschaftlich auf feindselige weise gegen andere Freundespaare. Was unter Erwachsenen meist hinter den eigenen Masken schön versteckt bleibt, tragen Kinder häufig ganz offen aus.

Kinder äußern sich in der Gruppe z.B. negativ über ein bestimmtes Kind. Oder ein Kind äußert sich über ein anderes Kind negativ, z.B. mit Pauschalurteilen wie: „Der x ist immer so nervig.“ „Der Y ist blöd“. „Der N weiß immer alles besser“.

 

Pauschalurteile stigmatisieren und vergiften die Teamatmosphäre

Wenn Du derartige Äußerungen mitbekommst, solltest Du sofort intervenieren. Denn derartige, negative Pauschalurteile vergiften die Teamatmosphäre. Sie tragen dazu bei, dass einem bestimmten Kind unter Umständen von anderen Kindern ein bestimmtes Stigma angehaftet wird. Hören diese Äußerungen wiederum andere Kinder, lassen sie sich unter Umständen davon beeinflussen und beobachten das stigmatisierte Kind nun möglicherweise durch die „Stigma-Brille“. Treten weitere Situationen auf, in denen sich das stigmatisierte Kind möglicherweise tatsächlich so verhält, wie es dem Stigma entspricht oder erscheint es anderen nur so, weil sie z.B. selbst besserwisserisch sind und sich daher über die Besserwisserei eines Anderen aufregen, dann kann sich ein bestimmtes Stigma verfestigen und dazu führen, dass ein Kind von allen oder vielen der Gruppe negativ gesehen wird. Dabei handelt es sich um einen Teufelskreis, aus dem ein stigmatisiertes Kind unter Umständen überhaupt nicht mehr herauskommt.

Du solltest also sofort dahingehend intervenieren, dass Du darauf bestehst, Pauschalurteile zu unterlassen, weil sie die Person als Ganzes mit einem negativen Etikett versehen und somit verletzen. Denn keine Person ist immer nervig, blöd oder besserwisserisch. Du solltest den Kindern vorschlagen, dass sie statt eines Pauschalurteils ganz konkret das kritisieren, was sie stört, ärgert oder verletzt – und zwar am besten in der Situation, in der das kritisierte Verhalten auftritt. Dann könnte ein Kind z.B. sagen: „Rede bitte nicht dauernd dazwischen, das nervt mich und empfinde ich als anstrengend“. Oder: „Warum lachst Du, wenn ich etwas sage. Ich fühle mich da nicht ernst genommen. Lachst Du mich aus?“

 

Konkrete Kritik ist hilfreich und birgt die Chance zur Selbsterkenntnis

Wer eine konkrete Kritik erhält, kann erstens daraus lernen, hat aber zweitens auch die Chance, seine Sicht der Dinge entgegenzuhalten, sodass beide Seiten aus dem Konflikt lernen können. Denn keine Wahrnehmung eines einzelnen ist „objektiv“, insbesondere dann nicht, wenn es um Gefühle geht. Wer z.B. einen Anderen als in einer bestimmten Situation als „mächtig“, „bestimmend“, „besserwisserisch“ etc. empfindet, der könnte und sollte sich fragen: „Ist meine Sichtweise und mein Gefühl wirklich objektiv oder spiegelt der Andere mir unter Umständen das, was in mir liegt – weil ich selbst ebenfalls besserwisserisch bin?“ Wer sich selbst weiter hinterfragt, wird dann unter Umständen – wenn man ehrlich zu sich selbst ist – herausfinden, dass einen die Besserwisserei des Anderen nur deshalb aufregt, weil man selbst ähn­li­che Charaktereigenschaften hat und dass hinter der Besserwisserei z.B. Halb­wissen, also fehlende Kenntnis von bestimmten Fakten, liegt.

 

Vorurteile und Stigmatisierungen im Kleinen können zu Feindseligkeit im Großen führen

Menschen, die sich selbst nicht reflektieren können oder wollen, neigen dazu, die Schuld immer beim Anderen zu suchen und Andere für die eigenen Ängste, Minder­wer­tig­keitsgefühle etc. verantwortlich zu machen. Was im Kleinen geschieht, ge­schieht auch gesellschaftlich im Großen. Menschen, die „faktenresistent“ sind, die sich leicht beeinflussen lassen, die sich selbst nicht reflektieren können oder wollen, die mit sich selbst und ihrer Lebenssituation unzufrieden sind, neigen dazu Feindseligkeit und Vorurteile gegenüber anderen Menschen bzw. Menschengruppen zu entwickeln. Das Stigma, das ein Mensch einem anderen einmal anhaftete, führt nicht nur dazu, dass ihn andere, die sich beeinflussen lassen, nun ebenfalls durch ihre „Stigmabrille“ sehen, sondern dass ganze Menschengruppen mit dem gleichen Stigma / Vorurteil versehen werden, z.B.: „Asylanten klauen, sind gewalttätig, belästigen Frauen usw.“

Wenn Dir diese psychologischen Zusammenhänge bewusst sind, kannst Du dazu beitragen, dass Diskriminierung, Stigmatisierung, Feindseligkeit und Gewalttätigkeit im Kleinen wie im Großen reflektiert werden können. Du kannst dann Anregungen zur Selbstreflexion geben und kannst selbst ein nichtdiskriminierendes, gewaltfreies Kommunizieren und Verhalten vorleben.

Die innere Stärke, Pauschalurteile, Nadelstiche, Stigmata etc. in einer Kindergruppe überhaupt wahrzunehmen, dafür sensibilisiert zu sein, darauf sofort und spontan richtig zu reagieren, kannst Du Dir jedoch nur dadurch erarbeiten, dass Du Dich selbst tagtäglich genau beobachtest und reflektierst:

 

„Wann, wo und wem gegenüber denke ich in ähnlicher Weise in Pauschalurteilen, Stigmata oder Vorurteilen?“

 „Wenn mich ein Verhalten eines Mitmenschen stört, warum sage ich ihm dies nicht sofort und gebe ihm und mir selbst dadurch die Chance, daraus zu lernen?“

 

Denn es könnte ja immer auch sein, dass ich selbst einfach schlecht drauf und negativ denkend bin, meinen Mitmenschen abwerte, nicht ernst nehme, durch eine bestimmte „Brille“ sehe, neidisch auf eine andere Person bin und vieles mehr. Dies könnte durch meine Offenheit unter Umständen zum Vorschein kommen. Ich könnte dabei vielleicht lernen und erkennen, was bei mir selbst nicht in Ordnung ist. Wenn ich dies aber gar nicht will, dann verpasse ich nicht nur selbst die Chance zu wachsen und zu lernen, sondern trage auch zu einer Vergiftung der Atmosphäre durch mein unfaires, unoffenes und negatives Denken bei.

Spannende_Methoden-Abfallprojekt

Gute Methoden sind wichtig – noch wichtiger ist Deine Vorbildfunktion

Übe konstruktive, gewaltfreie Kommunikation ein

Im nächsten Schritt gilt es dann, zu reflektieren, wie Du in einer bestimmten Situation spontan und angemessen reagieren könntest.

Beispiel: Im Team habt ihr verschiedene Verantwortungsbereiche aufgeteilt. Du hast das Gefühl, dass ein Anderer im Team Dir die Übernahme Deiner Verantwortung nicht wirklich zutraut, Dir nicht genügend vertraut und sich darum immer wieder in Deinen Verantwortungsbereich einmischt. Du fühlst Dich daher unfrei und kontrolliert.

Du könntest Dich nun fragen: „Habe ich selbst Anlass dazu gegeben, dass ein Anderer mir nicht genügend vertraut? War ich immer absolut zuverlässig und habe die von mir übernommenen Aufgaben gewissenhaft und auch im vereinbarten Zeit­raum erfüllt? Habe ich meine Aufgaben immer achtsam und verantwortungsvoll erfüllt oder habe ich durch eigene Unachtsamkeit und mangelnde Verantwortungs­übernahme Anlass für Ängste und Sorgen gegeben?“

Wenn ich mir diese Fragen selbst gestellt und für mich geklärt habe, dass ich aus den eigenen Versäumnissen und Fehlern der Vergangenheit lernen will, dann dürfte es mir keine Schwierigkeit bereiten, spontan z.B. so zu reagieren: „Danke, dass Du mir helfen willst, aber Du kannst Dich auf mich verlassen. Ich habe die Situation im Griff“. Oder: „Mach’ Dir keine Sorgen, ich/wir schaffen das, auch wenn wir es vielleicht nicht immer genau nach Deinen Vorstellungen tun werdenJ.“

Derartige Äußerungen sind verbindend, weil sie Verständnis für die Intervention eines Anderen zeigen, aber – mit einem Augenzwinkern – freundlich darauf hinweisen, dass eine Einmischung gerade weder nötig, noch erwünscht ist.

 

Sei Vorbild – und Du kannst Zusammenhänge aufzeigen

Durch derartige Übungen zur Selbsterkenntnis, Selbstreflexion und Selbstverände­rung, die Du tagtäglich in Deinen Alltag einbauen kannst, entwickelst Du Kompe­ten­zen als Potentialentfaltungscoach. Weil Du selbst ein gutes Vorbild bist, kannst Du spontan angemessen reagieren und andere Menschen auf ihrem Weg, gewaltfreier, offener, ehrlicher und wertschätzender leben zu lernen, begleiten. Es genügt also nicht, Dir irgendwelche pädagogische Methodenkenntnisse anzueignen – auch wenn diese sehr wichtig sind – oder praktische Fähigkeiten zu vermitteln (z.B. biovegan, regional, saisonal, zukunftsfähig kochen), sondern es kommt vor allem auf Deine eigene Vorbildrolle an, aufgrund derer Du Zusammenhänge zwischen dem Handeln im Kleinen und der Wirkung im Großen aufzeigen und verständlich machen kannst.

 

Kennst Du selbst auch Beispiele, wie Du die aufzeigen kannst, welche Wirkungen unser Denken und Verhalten im Kleinen auf das große Ganze haben?

Dann freuen wir uns über Deinen Kommentar.

 

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