Mitweltbildung, Gestaltungskompetenz und Potentialentfaltung – Pädagogik, die tiefer geht

Die Praxis der sogenannten Umweltbildung bzw. Bildung für nachhaltige Entwicklung bleibt leider häufig ziemlich an der Oberfläche . Vieles wird auch durch die Förderkriterien von staatlichen oder privaten Zuschussge­bern und Stiftungen so gesteuert, dass der Fokus von Bildungsprojekten auf be­stimm­ten Inhalten und Methoden liegt. Die Rahmenbedingungen gelingender Bildung werden allerdings selten reflektiert und verändert, obwohl die Arbeitsgemein­schaft Natur- und Umweltbildung (ANU) bereits vor 16 Jahren im Projekt ANU 2000 best-practice-Kriterien einer Bildung für nachhaltige Entwicklung herausgearbeitet hat.

Wenn wir uns an derartigen best-practice-Kriterien einer gelingenden Bildung orientie­ren, dann erkennen wir, dass für eine derartige Bildung besonders hohe Qualitäts­kriterien, also auch eine besonders hohe persönliche und fachliche Qualifikation von MultiplikatorInnen gefordert ist. Denn wer die Fachliteratur über Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie die Aussagen, die in der Agenda 21 gemacht wurden, studiert, muss zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es sich bei Bildung für nachhaltige Entwicklung um eine umfangreiche, soziale, globale Bildung handelt, die kreative Kompetenzen zu Mitgestaltung einer lebenswerten Zukunft vermitteln will. Dieser zu vermitteln, war und ist unser bisheriges Bildungssystem bisher in völlig unzureichendem Maße in der Lage (mehr zu diesem Thema findest Du hier und hier und hier).

 

MultiplikatorInnen der BNE sollten in der Lage sein, einen Bildungswandel zu fördern

Gerade die Ausbildung von MultiplikatorInnen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung sollte sich daran messen lassen, ob sie die Beteiligten tatsächlich in die Lage versetzt, best-practice-Kriterien einer Bildung für nachhaltige Entwicklung zu verstehen, analysieren und umsetzen zu können. Die Beteiligten sollten in die Lage versetzt werden, Rahmenbedingungen bestehender Bildungsprozesse kritisch zu hinterfragen, zu reflektieren und verändern zu können.

Aber, wie bitte soll das gehen, wenn sich unsere Universitäten selbst gar nicht infrage stellen lassen wollen oder können?

Wie soll das gehen, wenn „neuer Wein in alte Schläuche“ gekippt wird, wenn z.B. Theorie und Praxis an den Unis getrennt sind, wenn es kein projektorientiertes, handlungsforschendes Lernen gibt, wenn es keine echte Mitsprache von Studierenden gibt?

Wie sollen Hochschullehrkräfte, die selbst über keine Erfahrung in praktischer Umsetzung von best-practice-Kriterien einer Bildung für nachhaltige Entwicklung verfügen, Studierende dabei anleiten, in diesem Sinne selbst Projekte zu entwickeln und umzusetzen?

Kreative Gestaltungskompetenz, wie sie Professor de Haan vom erziehungswissen­schaftlichen Institut für Zukunftsforschung für Bildung für nachhaltige Entwicklung vorgeschlagen hat (und woran sich alle Fachkreise in Deutschland orientieren), bedeutet doch den Erwerb einer besonders hohen sozialen Kompetenz. Soziale Kompetenz erwirbt man jedoch insbesondere in der alltäglichen Praxis, nicht aber beim Studieren von Büchern und Theorien.

 

Niemand kann einen anderen Menschen ändern – BNE braucht Freiwilligkeit

Wenn wir erreichen wollen, dass Menschen ihren persönlichen Konsum- und Lebensstil, ihr Denken und Handeln reflektieren und – wenn sie dies wollen – ändern, dann liegt es auf der Hand, dass dies am besten auf der Basis von Freiwilligkeit geschieht. Nur wenn es gelingt, dass Menschen eine eigene, innere Motivation entwickeln, sich so zu ändern, dass ihr Denken, Fühlen, Konsumieren und Handeln gerechter, fairer, zukunftsfähiger, achtungsvoller und wertschätzender ist, hat Bildung für nachhaltige Entwicklung ihr Ziel erreicht.

Folglich müssten MultiplikatorInnen der Bildung für nachhaltige Entwicklung darin lernen, wie sie freiwillige Bildungsprozesse fördern und in Gang bringen können – und wie sie bestehende Strukturen herkömmlicher Bildung so verändern können, dass mehr Freiwilligkeit und Selbstbestimmung für alle Beteiligte möglich wird. Wenn Bildungsangebote freiwillig sind, dann führt kein Weg daran vorbei, die Methodik und die Inhalte an den Interessen und Bedürfnissen der Zielgruppe auszurichten, weil die Bildungsangebote sonst gar nicht wahrgenommen werden.

Wie aber sollen Studierende dies lernen, wenn die Lehrkräfte an den Hochschulen dies selbst gar nicht vorleben? Eine Orientierung der Methodik und Inhalte an den Interessen und Bedürfnissen der Zielgruppe müsste dann nämlich einerseits an der Uni selbst umgesetzt werden. Andererseits kann eine derartige Bildung nur in der Praxis entwickelt werden, in einem partizipativen Prozess, gemeinsam mit allen Beteiligten – mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Das erfordert eine ganz andere innere Haltung der MultiplikatorInnen, die sich dann nicht mehr als LehrerInnen oder WissensvermittlerInnen, sondern als BegleiterInnen und (Potentialentfaltungs-)Coaches sehen sollten.

Wie kann ein alternatives Theorie-Praxis-Studium aussehen, das junge Menschen zu Potentialentfaltungscoaches ausbilden und sie befähigen will, Mitweltbildung zu praktizieren und kreative Gestaltungskomeptenz zu fördern?

Genau dies erproben wir im Experiment Selbstlernstudium in Bildung zum Schutz der Erde / Mitweltbildung, aus dem heraus wir in einem partizipativen Prozess planen, einen Modellstudiengang Mitweltbildung, kreative Gestaltungskompetenz und Potenzialentfaltung zu entwickeln und zu gründen.

Umweltdetektivprojekt

Kinder dürfen bei dem Spiel „1,2 oder 3“ – ähnlich wie in der gleichnamigen, bekannten Fernsehsendung, schätzen, wie lange bestimmte Abfälle in der Erde verweilen, bevor sie verrotten

 

Beispiel für einen praktischen Schritt des Bildungswandels

Da gibt es beispielsweise Fördermittel für Projekte zum Thema Abfall, die vom Zeitbildverlag und der Kaugummiindustrie gesponsert werden – mit vorgefertigten Bildungsmaterialien und Arbeitsblättern, die in der Praxis mit Schulklassen verwendet werden sollen.

Obwohl wir die Bildungsmaterialien nicht optimal fanden, entschied sich unser Team des Selbstlernstudiums, auf der Grundlage dieser Arbeitsblätter eigene Projektideen zu entwickeln, die wir in unserem MultiplikatorInnenteam besprachen und diskutierten.

Normalerweise würden wir den Fokus unseres Handelns nicht auf eine einzige Handlungsoption (z.B. Müll trennen, keinen Müll in die Natur werfen etc.) lenken, sondern Spiele zur Selbstreflexion mit Kindern spielen, um dadurch zunächst einmal eine innere Motivation zu fördern, die Erde schützen und alles Leben mehr wertschätzen zu wollen. Denn wenn dies gelingt – so haben wir es häufig erfahren – kommt bei Kindern einer innere Prozess in Gang, der sie bewusster, achtsamer und wertschätzender leben lässt. Ihr Interesse daran, Dinge, die als „normal“ erscheinen, zu hinterfragen, wächst und sie kommen von alleine auf Ideen, wie sie Müll vermeiden können, werfen keinen Müll mehr in die Natur, interessieren sich für richtige Mülltrennung usw.

Wir entschieden uns zunächst, gemeinsam mit einer Grundschule sowie der dortigen Mittagsbetreuung einen Rahmen der Freiwilligkeit zu schaffen, der ausreichend Raum bieten würde, wenigstens in kleinem Maßstab Anstöße zur Selbstreflexion zu geben. Es gelang, dass Kinder sich freiwillig für eine Teilnahme an dem von uns ausgeschriebenen Projekt melden durften, dass sich 18 Kinder tatsächlich anmeldeten und dass wir ein Zeitfenster von 11:30 Uhr bis 15:30 Uhr bekamen, um unser Projekt umzusetzen. Vier Stunden hielten wir für das Minimum, um wenigstens einige der best-practice-Kriterien einer Bildung für nachhaltige Entwicklung umsetzen zu können.

Wir erfanden eine Spielgeschichte, im Rahmen derer die Kinder als DetektivInnen einen kniffligen Fall lösen durften. Diese Spielgeschichte begeisterte sie so sehr, dass sich so viele Kinder freiwillig anmeldeten. Die Eltern wurden durch einen Informationsbrief vorab einbezogen und stimmten der freiwilligen Teilnahme ihrer Kinder zu. Nicht alles, was wir uns ausgedacht hatten, klappte so, wie wir uns dies vorgestellt haben, aber wir durften aus den Rückmeldungen und Reaktionen der Kinder lernen. Alle Kinder äußerten am Ende des Projekts, dass sie gerne wieder an ähnlichen Veranstaltungen mitmachen wollen.

Viel wichtiger als das Umsetzen der von uns erdachten Methoden, die der Selbstreflexion und der Anregung zur Wissensaneignung dienen sollten, war jedoch das, was wir als Team vorlebten und wie wir spontan auf Äußerungen und auftauchende Konflikte eingegangen sind.

Denn uns war klar: Wenn Kinder nach einem solchen Kurzprojekt die Entscheidung treffen, ihren Müll nicht mehr in die Natur zu werfen, wenn sie bewusster handeln und darauf aufpassen, dass ihnen dies auch nicht aus Versehen passiert, dann haben wir sicherlich etwas gewonnen. Wenn es uns jedoch gelingt, insgesamt mehr Wertschätzung zu fördern – Wertschätzung für Natur, Tiere und Mitmenschen – dann haben wir eine tiefere Ebene erreicht. Wer nämlich einmal anfängt, über das Thema Wertschätzung nachzudenken, wird empfänglicher dafür, sich auch Gedanken darüber zu machen, wie er selbst zum Schutz der Erde beitragen kann und wird dankbarer für das, was die Erde uns schenkt. Die Gleichgültigkeit, Unachtsam- und Rücksichtslosigkeit unseres Egos wird dann immer öfter durch innere Impulse infrage gestellt, die dem Ziel Wertschätzung entsprechen. Das ist auch übertragbar in den zwischenmenschlichen Bereich, indem wir uns vermehrt Gedanken darüber machen, wie wir miteinander umgehen wollen und ob unser Umgang sowie unsere Kommunikation wirklich wertschätzend, fair und konstruktiv sind. Mehr darüber, wie auftauchende Konflikte Chancen für einen Bewusstseinswandel und Anregungen zur Selbstreflexion bieten können, kannst Du in diesem Artikel nachlesen.

 

Hast Du kritische Anregungen oder eigene Erfahrungen zu diesem Thema? Wir freuen uns auf Deine Rückmeldung!

Teile diesen Beitrag:


Kommentare: 0

Keine Kommentare

Kommentare

To Top