Selbstlernen – Trauma oder Chance?

Im Selbstlernpraktikum lerne ich, zu planen, mit Veränderungen umzugehen, mich für Aufgaben und Themen zu begeistern, sowie dem Wohlwollen der Anderen und dem Leben zu vertrauen – nicht immer einfach, aber machbar.

 

Hier eine kleine Übersicht meines Artikels:

  1. Über mich
  2. Selbstlernpraktikum – Was ist das?
  3. Leben ist Veränderung – Wie Planen?
  4. Was hat mein Selbstlernpraktikum mit freier und selbstbestimmter Bildung zu tun?
  5. Mein persönliches Fazit

1. Über mich

Mein Name ist Céline und ich mache zurzeit ein einmonatiges „Selbstlernpraktikum“ in Esselbach. Im Jahr 2015/2016, nach dem Abitur, habe ich am „project peace- Mein JA!hr für die Welt“ teilgenommen, dort viele Erfahrungen in Gemeinschaftsbildung, Persönlichkeitsentwicklung, globale Zusammenhänge und viel mehr gemacht und mich sehr verändert. Im Rahmen von project peace war ich außerdem für 5 Monate im „Kufunda learning village“ in Zimbabwe – wo ich noch mehr zu Gemeinschaft und gemeinsamer Führung, sowie selbstbestimmtem Lernen und „Critical Whiteness“ erlebte.

Seit Ende von project peace im Juli 2016 war ich bei meiner Familie zu Hause, habe mich selbst organisiert, mein project peace Jahr reflektiert und davon erzählt, mich viel mit meiner Zukunft und meinem möglichen Studium beschäftigt und einige Universitäten besucht. Ab April 2017 werde ich für ein Semester in Frankfurt am Main das Studieren im Fach „Erziehungswissenschaften“ erproben.

 

2. Selbstlernpraktikum – Was ist das?

Ein „Selbstlernpraktikum“ ist eine besondere Praktikumsform. Es gibt ein gemeinsames Projekt, an dem die Teilnehmenden des Praktikums arbeiten. Für dieses Projekt sucht sich jede*r seine persönlichen Aufgaben aus, die sie/ihn interessieren und herausfordern. Um diese Aufgaben zu bewältigen, geht es darum, sich selbst einzuarbeiten, wenn nötig mit Unterstützung der anderen – deshalb „Selbst-Lern“- Praktikum.

Die weitere Besonderheit des Selbstlernpraktikums ist, dass die Praktikant*Innen zusammen leben, also in Gemeinschaft. Wie das gemeinsame Leben abläuft, wird von ihnen selbst bestimmt. Sie entscheiden, wie die Tagesstruktur aussieht, wie das gemeinsame Kochen und putzen geregelt wird und mit welchen Themen und Aktivitäten sie sich außerhalb ihrer Aufgaben beschäftigen wollen (wozu auch gehört, dass jede*r Einzelne sich Zeit für sich alleine nimmt).

Unser Selbstlernpraktikumsteam trifft sich jeden Morgen und Abend im Kreis, um Aufgaben zu besprechen, mitzuteilen, wie es uns geht, und abends über den Tag zu reflektieren. Dabei überprüfen wir auch, wie weit wir in Aufgaben gekommen sind und wer wessen Unterstützung braucht. In der Morgenrunde findet auch meist ein gemeinsamer Impuls statt: Bewegungsspiel, Geschichte aus einem Buch zum Thema „Achtsamkeit und Glück“, 2 Minuten Stille, „Wertekärtchen“ ziehen (jede*r zieht eine Karte, auf der eine Eigenschaft steht, und überlegt sich, inwiefern diese gerade zu ihr/ihm passt),…

Die Themen und Aktivitäten, mit denen wir uns unter anderem beschäftigt haben, sind Ernährung (vegan, vegetarisch, …) im Zusammenhang mit Klima, Gesundheit und globaler Gerechtigkeit; Filme zum Thema „freie, selbstbestimmte Bildung“, sowie zum Thema „Grenzwissenschaften“; vegane Rezepte erproben; pädagogisches Konzept des Erdschützer-Projekts.

Worin unterscheidet sich das Selbstlernpraktikum von einem üblichen Praktikum?

Das Selbstlernpraktikum unterscheidet sich von einem üblichen Praktikum, da keine Aufgaben von einem/r Hauptverantwortlichen verteilt werden. Zwar stand das gemeinsame Projekt (eine „BNE-Juleica“ entwickeln) fest und es wurden dafür anstehende Aufgaben vorgestellt. Doch jede*r konnte und kann sich aussuchen, welche Aufgabe er/sie wählt. Dabei ist wichtig, dass die Aufgabe einen begeistert und gleichzeitig eine Herausforderung darstellt, um sich weiterzuentwickeln. Dies fördert das selbstbestimmte Lernen.

Was ist überhaupt mit dem Projekt BNE-Juleica gemeint?

Mit der BNE-Lernbegleiter*Innen-Ausbildung und insgesamt dem Reallaborprojekt von Schützer der Erde e.V. soll eine Ausbildung in „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ für junge Menschen ohne Vorerfahrungen entstehen. Dabei sollen sie lernen, andere Menschen jeden Alters auf ihren selbstbestimmten und freien Bildungswegen zu unterstützen, sowie ihnen weiterzugeben, was wichtig ist für eine „nachhaltige Entwicklung“ der menschlichen Tätigkeiten auf der Erde. Außerdem sollen sie die Fähigkeit entwickeln, in eigener Verantwortung und im Team mit anderen ihre Herzensprojekte zu entwickeln.

 

 3. Leben ist Veränderung – Wie Planen?

Am 22. März kamen wir drei Selbstlern-Praktikantinnen – Katharina, Katrin und ich – in Esselbach an. Innerhalb von fast zwei Wochen ist viel passiert – es scheint mir wie eine Ewigkeit, die voller Erlebnisse war.

Im Selbstlernpraktikum lerne ich Vieles zu verschiedenen Themen, tausche mich mit den anderen aus, reflektiere über persönliche Themen und die Themen, die mir hier begegnen… Und vor allem lerne ich durch das Erleben: Leben ist Veränderung.

Von Tag zu Tag ändert sich mein Befinden, voller Energie, müde, angespannt, ruhig und entspannt. Von Tag zu Tag ändern sich die Ideen zu verschiedenen entstehenden Projekten, die wir selbst hier versuchen zu klären und uns fragen, wie es denn für außenstehende verständlich sein könnte.

Am Start planen…

Zu Beginn haben wir unsere gemeinsame Zeit geplant und unsere eigenen Aufgaben gewählt. Katharina will zwei Filme kreieren, die die entstehende BFD-begleitende Ausbildung erklären. Katrin wollte eine Homepage für diese Ausbildung erstellen, hat letztendlich aufgrund ihrer kurzen Praktikumszeit einen Homepage-Gestaltungsentwurf und eine Grafik erstellt, die die Angebote von Schützer der Erde e.V. übersichtlich darstellt.

Was und wie planen wir – und wie können wir dabei flexibel bleiben?

Die Aufgabe, die ich gewählt habe, enthielt am Anfang noch keine konkreten Ziele: Ich wollte mich in bestehende Texte (Förderanträge und weitere Beschreibungen des BFD-begleitenden Ausbildungsprojekts) einarbeiten, um das Projekt für andere verständlich machen zu können. Nun, Texte lesen ist ja noch keine Aufgabe, an der ich arbeiten kann, aber notwendig, um das Projekt nach außen darstellen zu können.

Ausgehend von dieser Verständnisbasis will ich meine Ideen für Homepage und Flyer einbringen, Artikel über das Projekt schreiben, einen Text ausarbeiten, der im Erklär-Video gesprochen wird, nach möglichen Kooperationspartner-Organisationen suchen und diese kontaktieren…

Puh, das sind viele Aufgaben! Vor drei Tagen trieben mich noch diese Fragen um:

  • Wie kann ich das Konzept eines Projekts („BNE-Juleica“) verstehen, wenn der Inhalt nicht festgelegt ist, die Zielgruppe und das Team noch nicht ganz klar sind, der Rahmen noch nicht steht, und immer wieder verschiedene Menschen ihre Ideen einbringen?
  • Und erst recht: Wie kann ich dann dieses Konzept anderen Menschen erklären, wenn ich einen Flyer erstelle, Artikel darüber schreibe, einen Text für das Erklärvideo ausarbeite, Kooperationspartner anspreche?
  • Wie kann ich diese Aufgaben, die ich gewählt habe, angehen und dabei etwas Konkretes schaffen?

Daher habe ich zunächst meine Ziele für das Selbstlernpraktikum mithilfe der SMART-Projektmanagement-Methode verfasst: „Die Selbstlernpraktikumszeit war ein voller Erfolg, wenn…“. Dabei stellte ich zu meiner Freude fest, dass ich aus anfangs verschwommenen Träumen sehr konkrete Ziele formulieren konnte. Dank dieser Ziele wurde mir auch klarer, welche Schritte ich gehen will und wie ich Prioritäten festlegen und zeitlich einplanen kann.

Wie Pläne sich ändern

Mittlerweile habe ich ein paar Antworten auf die vorigen Fragen, da sich die Ideen zur BFD-begleitenden Ausbildung und zum gesamten Projekt, ein „Erdschützer-Netzwerkteam“ zu bilden, weiterentwickelt und neu strukturiert haben.

Auch die Prioritäten meiner Aufgaben haben sich neu formuliert, was mir sehr hilft, denn jetzt kann ich endlich konkret an etwas arbeiten: Diesen Artikel schreiben, den Text für das Erklärvideo erstellen, Kooperationspartner-Organisationen suchen und die Gestaltung und Texte für die Homepage entwickeln.

In diesem Sinne: Leben ist Veränderung, und ich lerne, in einem Modellprojekt bzw. neuen Unternehmen mit täglichen Veränderungen umzugehen!

 

4. Was hat mein Selbstlernpraktikum mit freier und selbstbestimmter Bildung zu tun?

Im Selbstlernpraktikum erlebe ich eine von vielen Möglichkeiten, wie wir uns frei bilden können und mithilfe dieses Prozesses unser „volles Potential verwirklichen“ (Agenda 21, 36.3) können. Ich glaube, bisher habe ich nur einen kleinen Teil aller möglichen Arten und Weisen, wie selbstbestimmtes, freies Lernen geht, erlebt!

Mir selbst ist nicht immer klar, wie ich mich frei von Vorstellungen machen kann, dass ich für einen Abschluss, das Beruhigen mir nahe stehender Menschen oder die Wertschätzung anderer lerne. Auch ist mir nicht immer klar, wie ich mich frei und selbstbestimmt mit dem beschäftigen kann, was mich begeistert – alleine finde ich es manchmal so schwierig, volle Verantwortung für mein Leben, meine Haltung und mein Verhalten, meine Aktivitäten, meine Ernährung und meine Lernwege zu übernehmen! Deshalb hilft mir zurzeit das Selbstlernpraktikum und dabei besonders, mit anderen gemeinsam einen Weg des selbstbestimmten Lebens und Lernens zu gehen.

Gegenseitige Unterstützung

In der Selbstlernpraktikumszeit kommen wir als Menschen zusammen, begegnen uns und unterstützen uns gegenseitig dabei, uns persönlich weiterzuentwickeln: Durch das Ziehen von „Wertekärtchen“, das Vornehmen eigener Herausforderungen oder einer bestimmten Verhaltensweise für den Tag, bejahen wir gegenseitig die positiven Eigenschaften, die schon in uns sind und derer wir uns annähern wollen und bejahen auch, dass wir unsere Ziele erreichen können.

Filmworkshop: Ton angeln, Filme drehen, Clips zuschneiden

Auch unterstützen wir uns gegenseitig, mehr zu Themen zu erfahren, die uns interessieren. Bisher haben wir am Filmworkshop mit Ela teilgenommen, zusammen Filme geschaut und darüber diskutiert. („Alphabet- Angst oder Liebe“ sowie „Schools of Trust“ über freie, selbstbestimmte Bildung; „Am Anfang war das Licht“ über Lichtnahrung; „Hope for all“ über Tierhaltung und positive Auswirkungen veganer Ernährung; „We feed the world“ über Ernährung und ihre Auswirkungen auf die Umwelt; „Revolution 2012“ über paranormale Phänomene und Grenzwissenschaften.) Wir haben einen Vortrag über den friedfertigen, bioveganen Landbau besucht, das Pizzakaufspiel aus dem Konzept Klimaschutzkochmobil ausprobiert und reflektiert, uns mit dem Ernährungsratgeber „Vegan in Topform“ von Brendan Brazier auseinandergesetzt und Rezepte daraus getestet.

Aus meiner Sicht trägt das Selbstlernpraktikum auf verschiedene Weisen zu meinem inneren Wachstum und dem der anderen bei: Einerseits forschen wir  an uns selbst und begegnen vielen Themen und Lebenssituationen. Andererseits wollen wir ein gemeinsames Projekt weiterbringen und haben somit die Chance, alle Facetten der Projektentwicklung zu erfahren.

 

5. Mein persönliches Fazit nach zwei Wochen Selbstlernpraktikum

Während des Selbstlernpraktikums habe ich bisher gelernt, meine und gemeinsame Ziele zu planen und mit Veränderungen umzugehen. Ich habe erlebt, wie ich motiviert durch Begeisterung und Herausforderung Tätigkeiten angehen kann.

Außerdem habe ich erfahren, wie wichtig wertschätzende Ehrlichkeit, Offenheit, gegenseitiges Vertrauen und ein gutes Miteinander für selbstbestimmtes Lernen und Potentialentfaltung sind.

Was mich motiviert, hier zu sein, sind die vielen Ebenen, auf denen ich tagtäglich lerne. Wir forschen an uns selbst, an Alltagssituationen (z.B. kreatives Kochen, Reflektieren unserer Kommunikation, …) und an Themen, die uns interessieren. Besonders für mich ist auch, dass wir ein Modellprojekt von Anfang an miterleben und mitentwickeln.

 

Welche Erfahrungen hast du mit selbstbestimmtem oder freiem Lernen? Wie geht es dir, wenn du dir selbst deine Zeit einteilst? Was ist aus deiner Sicht wichtig für Potentialentfaltung? Wie gehst du mit Ungewissheit und Veränderungen um? Was ist dein größtes Selbstlern-Trauma, was die größte Chance, die sich dir bisher durch Selbstlernen eröffnet hat?

Gerne kannst du alles, was dir zum Artikel einfällt, in den Kommentaren teilen!

Teile diesen Beitrag:


Kommentare: 0

Das könnte Dich auch interessieren

Keine Kommentare

Kommentare

To Top