Wandlungsräume und Co-Kreativität

Wie wir co-kreativ Lösungen finden können, die für Menschen, Tiere und Natur gesünder und zukunftsfähiger sind.

In diesem Artikel zeige ich an einem konkreten Beispiel auf, warum es in der Ausbildung von Multiplikator*innen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) keinesfalls genügt, lediglich Informationen über nachhaltige Entwicklung oder Methoden weiterzugeben. Wir müssen Multiplikator*innen vielmehr befähigen, auf kreative Weise Rahmenbedingungen zu gestalten, in denen Menschen sich auf Augenhöhe begegnen, sich trauen, ihre Sichtweisen und Gefühle zu äußern und sich ermutigt fühlen, alles, was scheinbar als „normal“ oder gar „alternativlos“ wahrgenommen wird, zu hinterfragen.

 

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Ein umfassender Ansatz zur Bündelung mit dem Begriff BNE verbundenen Kompetenzen wurde in Deutschland unter dem Konzept der Gestaltungskompetenz von Gerhard de Haan entwickelt und ausformuliert:

„Mit Gestaltungskompetenz wird die Fähigkeit bezeichnet, Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können. Das heißt, aus Gegenwartsanalyse und Zukunftsstudien Schlussfolgerungen über ökologische, ökonomische, soziale, zusätzlich auch politisch-demokratische und kulturelle Entwicklungen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit ziehen und darauf basierende Entscheidungen treffen, verstehen und individuell, gemeinschaftlich und politisch umsetzen zu können…“[1]

Ziel der BNE ist es, dass Individuen Kompetenzen erwerben, um aktiv und eigenverantwortlich die Zukunft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestalten zu können. In diesem Zusammenhang spielen ebenso rationale, emotionale wie auch handlungsbezogene Komponenten und der Erwerb von Urteilsfähigkeit eine entscheidende Rolle.

 

Wandlungsräume

Seit 2003 ist es das Ziel unseres Vereins, eine möglichst erfolgreiche, pädagogische Antwort auf die zunehmende Gefährdung der Erde zu entwickeln. In langjähriger Modellprojektarbeit entwickelten wir zunächst – unter Beteiligung von hunderten Multiplikator*innen, Kindern und Eltern – ein ganzheitliches, innovatives Konzept für die Zielgruppe 8- bis 13-jähriger Kinder und Jugendlicher. Dieses ist veröffentlicht im Handbuch „Das Erdschützerprojekt – Pädagogik für eine lebenswerte, friedliche Zukunft“. Seit 2011 entwickeln wir dieses Konzept weiter für die Zielgruppen Jugendliche und Erwachsene. Diese Konzeptentwicklung erfolgt unter dem Titel Wandlungs(t)räume.

Wandlungsräume sehen wir als er­ge­b­­nisoffene Gestal­tungs- und Experimentier­räume, in de­nen sich alle Beteiligte in einer wert­schät­zen­den, achtsamen, offenen Atmo­sphä­re gegenseitig inspirie­ren und ermutigen, um über sich hinaus­zu­wach­sen und das Po­ten­zial, das in ihnen steckt, zu erkennen, zu entfalten und ihre eigenen Wandlungs­träu­­me wach­sen und lebendig werden zu lassen.

Wie sich aus dieser Beschreibung ergibt, kommt es also in besonderem Maße auf unsere innere Haltung als Begleiter*innen an, indem wir Wertschätzung, Achtsamkeit, Offenheit vorleben, einander auf Augenhöhe begegnen, zum Ausprobieren von Neuem anregen, Co-Kreativität fördern und jederzeit bereit sind, Kritik anzunehmen, um uns dadurch inspirieren zu lassen. Kritik zu äußern, fällt vielen Menschen schwer, weil sie Angst haben, andere dadurch zu verletzen oder / und die Aggressionen des Kritisierten auf sich zu ziehen. Kritik jederzeit dankend anzunehmen, sie als Anregung und Inspiration zu sehen, um sich selbst weiterzuentwickeln, aber auch im Äußeren bessere Lösungen zu finden, fällt den meisten Menschen noch schwerer.

 

Kritikoffenheit fördert Beteiligung

Wenn Seminarbegleiter*innen ein Höchstmaß an Kritikoffenheit entwickelt haben und alle Beteiligten spüren, dass ihre Anregungen, ihre Kritik und ihre Verbesserungsvorschläge ernst genommen werden, dann fühlen sie sich wertgeschätzt und ermutigt, noch mehr Ideen und Beiträge einzubringen. Dadurch entsteht ein co-kreativer Prozess – im Idealfall eine Aufbruchstimmung –, in dem sich alle Beteiligten selbst reflektieren, gegenseitig inspirieren und ermutigen, Neues auszuprobieren. Es entsteht ein Raum, in dem alle Beteiligten experimentieren und auf diese Weise auch im äußeren zu Lösungen gelangen, um das Umfeld für unsere Bildungstätigkeit noch glaubwürdiger zu gestalten.

Co-Kreativität bezieht sich nicht nur auf gemeinsame-künstlerische, ästhetische Gestaltung, zum Beispiel eines bunten Partybuffets. Kreativität sollte auch und insbesondere in Problemlösungsprozessen herausgefordert werden.

Co-Kreativität bezieht sich nicht nur auf gemeinsame-künstlerische, ästhetische Gestaltung, zum Beispiel eines bunten Partybuffets. Kreativität sollte auch und insbesondere in Problemlösungsprozessen herausgefordert werden.

 

Die nachfolgende Erzählung soll ein Beispiel dafür aufzeigen, wie dies gelingen kann:

Wir hatten bereits zwei Seminare der abenteuerlichen Natur- und Ernährungsbildung in einem Bildungszentrum in Rheinland-Pfalz abgehalten. Um die Rahmenbedingungen unserer Seminare weitgehend selbst gestalten zu können, haben wir Selbstverpflegung gewählt und ein vierköpfiges, gleichberechtigtes Team gebildet. Zwei davon waren für das pädagogische Programm verantwortlich, zwei für die Gestaltung der Ernährungsbildung in der Küche. Zu dieser Ernährungsbildung gehörten unter anderem:

  • Verantwortung für die Einhaltung der Hygieneregeln
  • Achtung aller bioveganen, hochwertigen Lebensmittel, damit nichts verdirbt
  • Koordination der kreativen Gestaltung von Mahlzeiten durch Teilnehmende
  • Einbringen eigener Ideen zur optimalen, kreativen Verwertung von Speiseresten
  • Organisation, Strukturierung und Verantwortung für die freiwillige Mithilfe durch Seminarteilnehmende (z. B. bei Zubereitung des Frühstücks, des Abwaschs, beim Putzen und Aufräumen)

Die Zukunft gehört der Co-Kreativität, die im offenen Austausch von Menschen entsteht, die sich und ihr Gegenüber nicht mehr länger als Objekt von Urteilen, Bewertungen und Vergleichen sehen, sondern als einzigartiges, gestaltungsfähiges und selbstwirksames Subjekt.“ Gerald Hüther

 

In dem Bildungszentrum gab es eine Industriespülmaschine, mit deren Hilfe das Geschirr und Besteck schnell gesäubert werden konnte.

Nach beiden Seminaren klagte eine der beiden Küchenverantwortlichen über Unwohlsein/Reiseübelkeit und Durchfall. Es war uns jedoch nicht klar, was die Ursache dafür gewesen sein konnte.

Erst in einem Reflexionsgespräch vor dem dritten Seminar stellte sich heraus, dass ihr die durch die Industriespülmaschine abgegebenen Dämpfe besonders zuwider waren. Der Geruch war ätzend. Wer in der Küche tätig war, musste diese Dämpfe notgedrungener Maßen täglich ca. drei Stunden lang einatmen. In der Meinung, dies einfach hinnehmen zu müssen, da scheinbar nur sie so sensibel darauf reagierte, äußerte sie ihren Ekel und Widerwillen leider nicht. Alle anderen Beteiligten hatten sich darüber keinerlei Gedanken gemacht, geschweige denn nachgeforscht, ob das verwendete Spülmittel im Sinne eines Whole institution approaches (der Gestaltung eines glaubwürdigen Umfeldes im Sinne von Zukunftsfähigkeit) ökologischen Kriterien entsprach.

Als wir zum dritten Seminar erneut im Bildungszentrum eintrafen, untersuchten wir umgehend die verwendeten Spülmittel. Das nebenstehende Label sprang uns sofort ins Auge. Erst später recherchierten wir weitere Warnhinweise, z. B.:

  • Thermische Zersetzung kann zur Freisetzung von reizenden Gasen und Dämpfen führen
  • Schutz und Hygienemaßnahmen: Am Arbeitsplatz nicht essen, trinken, rauchen, schnupfen
  • 5-15% Phosphate, Geruch Chlor
  • kennzeichnungspflichtiges Produkt nach EG-GHS-Verordnung. Das Produkt ist als Gefahrgut eingestuft
  • Sehr giftig für Wasserorganismen
  • Biozidprodukte vorsichtig verwenden.

Wir sprachen den verantwortlichen Ansprechpartner im Bildungszentrum an, erläuterten ihm, dass wir als Seminarveranstalter hier eine besondere Verantwortung tragen und überlegten, ob wir eine Lösung finden könnten, um die genannten Spülmittel nicht nutzen zu müssen. Er schlug uns vor, die Spülmittel abzukoppeln und stattdessen von der Industriespülmaschine nur reines Wasser ansaugen zu lassen.

 

Co-kreativer Problemlösungsprozess

Zu Beginn des Seminars informierten wir alle Seminarteilnehmenden über unsere neuen Erkenntnisse und stellten ihnen die Frage: Wie würdet Ihr handeln, wenn Kinder bei einer Veranstaltung das Gefahrenzeichen auf den Spülmitteln entdecken oder Mitverantwortliche körperlich auf die offensichtlich weder für die Gesundheit des Menschen, noch der Tiere oder der Natur besonders umweltfreundlichen Spülmittel reagieren würden?

Ideen wurden gesammelt:

  • alles mit ökologischem Handspülmittel abwaschen (Widerspruch: zu viel Aufwand und höherer Wasserverbrauch)
  • ökologisches Handspülmittel für die Industriespülmaschine verwenden (Widerspruch: Gefahr durch hohe Schaumbildung für die Maschine)
  • alle Teilnehmenden sollen ihr Geschirr selbst spülen (Widerspruch: zu viel Aufwand und zu viel Chaos)
  • alternatives, ökologisches Spülmittel bestellen (Widerspruch: nicht adhoc möglich)
  • mit ökologischem Handspülmittel vorspülen und klarspülen mit der Industriespülmaschine (Widerspruch: Gefahr der Gefährdung der Maschine durch viel Schaum bildende Handspülmittelreste)
  • mit ökologischem Handspülmittel vorspülen, klarspülen und anschließend mit der Industriespülmaschine bei 70 Grad unter Verwendung von klarem Wasser nachspülen (beste Lösung)

Die Gruppe einigte sich ziemlich schnell auf die letzte Lösung. Obwohl zunächst manche Teilnehmenden Widersprüche gegen das Spülen von Hand erhoben hatten,  stimmten nach einem Probedurchlauf alle Beteiligten für diese Lösung. Nach Einschätzung der Beteiligten erwies sich diese Lösung nicht als wesentlich aufwändiger, weil dadurch zweimaliges Spülen mancher Geschirrteile überflüssig wurde. Denn die Maschine hatte vorher oft nicht so gut gespült, weshalb eine entsprechende Kontrolle und häufigeres Nachspülen immer nötig waren.

 

Förderung von Gestaltungskompetenz

Diese Erfahrung war für alle Beteiligte ein AHA-Erlebnis:

  • Aufgrund der Einbeziehung aller Beteiligten konnte im Konsens eine Lösung umgesetzt werden, die ökologischer und gesünder war, aber nur unwesentlich unökonomischer
  • Alle Beteiligten wurden durch das aufgetauchte Problem Teil eines co-kreativen Prozesses, im Rahmen dessen sie erfolgreich eine neue, umweltfreundlichere und gesündere Handlungsalternative erprobten
  • Alle Beteiligten wurden durch diese Erfahrung angeregt, auch in ihrem privaten und beruflichen Umfeld sensibler für angebliche Sachzwänge und unhinterfragte Rahmenbedingungen zu werden
  • Allen Beteiligten wurde bewusst, dass es hilfreich und wichtig ist, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern, weil dies der erste Schritt ist, um bessere Lösungen für Menschen, Tiere und Umwelt zu finden
  • Alle Beteiligten wurden ermutigt, auch bei der Begleitung von Kindergruppen ähnliche partizipative Vorgehensweisen zu erproben, um auf diese Weise die Problemlösungsfähigkeit der Gruppe zu fördern
  • Alle Beteiligten wurden durch das Aufgreifen des Problems angeregt, nach dem Seminar zu Hause in Eigenregie auf freiwilliger Basis nach weiteren Alternativen und Handlungsmöglichkeiten zu recherchieren.
  • Letzteres war auch tatsächlich der Fall. Eine Teilnehmerin fand im Internet eine Alternative, einen mit dem EU Ecolabel ausgezeichneten Geschirrreiniger für Industriespülmaschinen ohne Gefahrstoffkennzeichnung. „Nicht ätzend, nicht reizend, angenehmes Raumklima. Frei von Phosphaten, von Aktivchlor und kennzeichnungsfrei“, stand auf dem Etikett.

 

Fazit

Der Prozess der Problemlösung war also für alle Beteiligten inspirierend und gleichzeitig eine Möglichkeit zur Selbstreflexion, zum Beispiel mit den Fragen:

  • Wann und wo nehme ich viele Dinge in meinem Alltag einfach als „alternativlos“ hin, hinterfrage sie nicht, beuge mich einem scheinbaren Sachzwang – und warum?
  • Wann und wo achte ich im Alltag und im Miteinander mit meinen Mitmenschen zu wenig auf meine Gefühle und Bedürfnisse oder / und traue mich nicht sie zu äußern – und warum?

Die Aufgabe von Multiplikator*innen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung sollte also sein,

  • selbst sensibler und feinfühliger zu werden,
  • selbst Vorbild zu sein im Hinterfragen von Routinen und scheinbar „Normalem“,
  • allen Beteiligten das Gefühl zu vermitteln, dass sie, ihre Ideen und Beiträge, enorm wichtig sind, es also auf jeden Einzelnen ankommt, um eine bessere, gerechtere, lebenswerte Zukunft mitzugestalten.

Durch eine derartige innere Haltung können wir als Seminarbegleitung den inneren Raum schaffen, damit er zu einem ergebnisoffenen Experimentier- und Gestaltungs­raum für alle Beteiligten wird. Dadurch entsteht eine Aufbruchstimmung, die Erfahrung sowie das Gefühl: Wir können etwas bewirken. Wir können selbst der Wandel sein, den wir uns auf der Erde wünschen.

Wir können gleichzeitig auch auf alle best-practice-Kriterien eine Bildung für nach­hal­tige Entwicklung achten, wozu auch die Gestaltung eines möglichst glaubwürdigen Umfelds im Äußeren gehört.

Dies alles sind wesentliche Merkmale unseres Bildungskonzepts Wandlungs(t)räu­me, mit dem wir Menschen auf ganzheitliche Weise dabei unterstützen, über sich selbst hinauszuwachsen.

Das in diesem Artikel geschilderte Beispiel zeigt konkret, wie wir Gestaltungskompetenz (siehe oben) fördern können.

 

Hast Du selbst Erfahrungen mit der Gestaltung von Wandlungsräumen gesammelt? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!

 

[1] Programm Transfer 21: Orientierungshilfe Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Sekundarstufe I

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