Wandlungs(t)räume – vom inneren zum äußeren Wandel

Seit 2003 forschen wir in den Teams von Schützer der Erde e.V. zu der Frage, was es braucht, um innere und äußere Wandlungsräume zu gestalten, in denen Menschen sich möglichst frei, angstlos, sicher, wohl, wertgeschätzt, inspiriert und ermutigt fühlen, um über sich hinauszuwachsen und ihr ganzes Potenzial zu entfalten. Seit Beginn 2017 arbeiten wir in einem siebenköpfigen Team, das aus Fachkräften und jungen Studierenden besteht, an der Entwicklung des Modellprojektvorhabens Wandlungs(t)räume, im Rahmen dessen wir gezielt Erfahrungen sammeln und Methoden erproben, um Menschen dabei zu unterstützen, mehr in ihr Inneres zu finden, aus ihrem Inneren heraus zu leben sowie Schritt für Schritt ihre eigenen Wandlungsträume (Herzensprojekte) zu entwickeln und umzusetzen.

Dieser Artikel dient als erster Einstieg zum Verständnis, warum wir uns dafür einsetzen, dass immer mehr Lernorte zu Wandlungsräumen werden.

 

Übersicht

Mit dem Konzept Wandlungs(t)räume fördern wir:

  1. Ergebnisoffene Experimentier- und Gestaltungsräume
  2. Mitverantwortlichkeit
  3. Wahrnehmen eigener Bedürfnisse
  4. Einigkeit und Konsensfindung
  5. Sicherheit und Achtsamkeit
  6. Teambildung und innere Nähe
  7. Kreativität und Selbstwirksamkeit
  8. Intuition sowie Verbindung mit der inneren Weisheit
  9. Naturverbundenheit und Einfühlungsvermögen
  10. Kultur der Wertschätzung
  11. Peer to Peer Prinzip – Begegnungen auf Augenhöhe
  12. Entwicklung innerer Werte

In einer Artikelreihe erläutere ich genauer, welche persönlichen Schritte, welche innere Haltung, welche inneren Schritte der Teambildung und welche Methoden wir entwickelt haben und anwenden, die genannten Aspekte zu fördern. Dieser Artikel bietet einen ersten Überblick über unseren Ansatz.

 

Wandlungsräume – was sind das?

Wandlungsräume sind er­ge­b­­nisoffene Gestal­tungs- und Experimentier­räume, in de­nen sich alle Beteiligte in einer wert­schät­zen­den, achtsamen, offenen Atmo­sphä­re gegenseitig inspirie­ren und ermutigen, um über sich hinaus­zu­wach­sen und das Po­ten­zial, das in ihnen steckt, zu erkennen, zu entfalten und ihre eigenen Wandlungs­träu­­me wach­sen und lebendig werden zu lassen.

Das klingt einfach. Doch wenn wir die Worte auf uns wirken lassen, merken wir: Wandlungsräume müssen wir erst in uns selbst erschließen, um sie gemeinsam mit Anderen, Gleichgesinnten, im Äuße­ren entstehen lassen zu können. Vermutlich werden die meisten Leser*innen das Gegenteil kennen, nämlich Lernfelder und Lernorte, die mehr oder weniger starr sind, die wenige Spielräume für eigene Gestaltung und Experimente lassen, in denen Men­schen gezwungen werden, bestimmte Dinge zu lernen, in denen sie keinen Sinn sehen. Lernorte, in denen der Intellekt trainiert wird. Lernorte, an denen – von der Wissenschaft – Wissen geschaffen wird.

 

Warum brauchen wir Wandlungsräume?

Wir brauchen

  1. Förderung von Intuition, Naturverbindung und innerem Wachstum

    Die Förderung von Intuition, von Naturverbindung, die Auseinandersetzung mit inneren Prozessen, die uns daran hindern, der Mensch zu sein, der wir sein könnten, spielt in unserem Bildungssystem keine oder fast keine Rolle. So passen sich viele Menschen an die Lernorte (Schulen, Universitäten,…) sowie an die Fremdbe­stimmung, die sie dort erleben, an. Es erscheint ihnen als normal, dass es Hierarchien gibt, in denen die Gestaltungs- und Experimentierräume für die Beteiligten – je nach Rang in der Hierarchie – sehr unterschiedlich sind. Es erscheint uns als normal, im Hamsterrad der vorgegebenen Curricula funktionieren zu müssen, gleichgültig ob wir Schüler*innen, Lehrkräfte oder Studierende sind. Obwohl es überall noch Freiräume gäbe, um unseren eigenen selbstbestimmten Lern- und Entwicklungsweg zu gehen, trauen sich die meisten jungen Menschen nicht, danach zu suchen. In ihren Köpfen scheinen bereits die unsichtbaren „grauen Herren“ aus dem Roman „Momo“ zu wirken. Die Angst – ja vor was eigentlich – regiert? Die Angst, die Prüfungen nicht zu schaffen, die Angst, zu versagen und sich zu blamieren, die Angst, finanziell nicht klar zu kommen, die Angst, im späteren Leben nicht das Leben führen zu können, das man sich erträumt, weil man bestimmte Abschlüsse nicht geschafft hat, die Angst, ein karges Dasein des Mangels fristen zu müssen, die Angst, etwas zu verpassen, die Angst, nicht geliebt und geschätzt zu werden, einfach weil man die Erwartungen unserer Gesellschaft, der Eltern, Verwandten usw. nicht erfüllt.
    Um den notwendigen Wandel hin zu einer lebenswerten, gerechten Gesellschaft zu schaffen, ist es wesentlich, dass wir von klein auf lernen, auf unsere „innere Stimme“ zu hören, unserer Intuition, unserem spontanen Gefühl zu vertrauen, dass wir tiefere Beziehungen zu Natur und Tieren entwickeln, um die Verbundenheit mit allem Sein zu spüren und unsere Herzen zu öffnen und dass wir überhaupt mehr Vertrauen ins Leben entwickeln. Denn dann werden wir wagemutiger werden und uns trauen, den Wandlungsträumen, die in uns schlummern, Schritt für Schritt Raum zu geben. Dann werden wir uns zu Pionier*innen der Zukunft entwickeln, die selbst der Wandel sind, den sie sich auf der Erde wünschen.

  2. Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung

    In unserer schulischen Sozialisation haben die meisten Menschen nicht gelernt, sich selbst ständig zu hinterfragen und darum kennen wir uns nicht. Wer sich selbst nicht kennt, hat auch zu wenig Selbstliebe. Weil wir uns nicht wirklich kennen, setzen wir uns Masken auf und geben vor, „gut“ zu sein. Wir möchten geliebt werden und darum stellen wir uns selbst ins beste Licht. Doch so sind wir nicht wirklich wir selbst. Kratzt Jemand am Lack unserer Maske, bringt uns das aus dem Gleichgewicht. Für den notwendigen Wandel auf der Erde brauchen wir jedoch eine Kultur der Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung. Diese sollte von Lernbegleiter*innen vorgelebt werden, sodass diese wiederum junge Menschen dazu einladen können, selbst das Gleiche auszuprobieren. Wie genial wäre es, wenn wir von klein auf in Gemeinschaften aufwachsen dürften, in denen alle Beteiligten – gleich welchen Alters – eine solche Kultur pflegen würden und wir uns offen und angstfrei über unsere inneren Schritte und Erkenntnisse austauschen würden. Eine solche Kultur der Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Selbstverän­de­rung wollen wir mit dem Projekt Wandlungs(t)räume vorleben und voranbringen.

  3. Demut, Kritikoffenheit und eine fehlerfreundliche Kultur

    Hand aufs Herz: Wie oft ist es in deinem Leben vorgekommen, dass eine Lehrkraft, ein Professor, eine Seminarleitung so offen und demütig war, dass sie eigene Fehler zugegeben und sich sogar dafür entschuldigt hat? Wie oft ist es vorgekommen, dass eine solche Person, die als Autorität angesehen werden will, zugegeben hat, dass sie nicht alles weiß oder dass sie verletzlich ist? Wie oft haben wir es erlebt, dass uns solche Menschen wirklich wie Geschwister und Freund*innen begegnet sind – und umgekehrt? Wenn es um inneren Wandel, Selbstreflexion, Selbsterkenntnis und Selbstveränderung geht, dann sind wir alle gleichermaßen auf dem Weg und begegnen uns auf Augenhöhe. Wenn du selbst einem persönlichen Idealbild – dem edlen, guten, liebevollen, gerechten Menschen, der du sein möchtest – nachstrebst, dann wirst du offen für Kritik sein, dann wirst du deine Mitmenschen einladen, dir ehrliche Rückmeldungen zu geben, denn du weißt, dass dich das weiterbringt. Du kannst allenfalls deine Illusionen und Masken, dein falsches Selbstbild, verlieren. Den meisten Menschen fällt dies nicht immer leicht. Nur auf den eigenen Anteil an einem Konflikt zu schauen, zuerst „den Balken im eigenen Auge zu entfernen“ und anderen die Freiheit zu lassen, ob sie ihren Anteil erkennen wollen oder nicht, ob sie sich für die Verletzungen, die sie dir zugefügt haben, entschuldigen oder nicht, das erfordert Demut. Und eine derartige Demut finden wir in unserer Kultur leider viel zu selten. Eine solche Demut bedeutet innere Größe. Wir brauchen genau solche Menschen, Menschen innerer Größe. Denn dies sind die Menschen, die am lernfähigsten sind, die am schnellsten auf dem Weg durch Versuch und Irrtum dazulernen. Sie haben keine Angst mehr vor Versagen, Scheitern, Fehlern oder Blamage. Denn wer zutiefst lernbereit ist, wird alles nur als Chance begreifen, um sich selbst sowie das eigene Vorhaben zu verbessern. Solche Menschen sind unerschütterliche, standfeste Pionier*innen, die durch ihr Vorbild andere motivieren. Sie können durch ihr Vorbild auch Räume des Vertrauens sowie eine fehlerfreundliche Kultur fördern – nach dem Motto: Wer Fehler macht, wird nicht bestraft, sondern ermutigt, daraus zu lernen.

 

Wie können wir solche Wandlungsräume (mit)gestalten?

Doch wie sollen oben beschriebene Wandlungsräume entstehen, in denen Men­schen sich gegenseitig ermutigen, inspirieren, offen und wertschätzend miteinander umgehen, wenn die Menschen, die andere bei ihren Lernprozessen begleiten, dies nicht vorleben? Wenn wir Wandlungsräume schaffen wollen, dann liegt es zunächst zuallererst an uns, dass wir unsere Masken ablegen, dass wir uns so zeigen, wie wir wirklich sind – was wir nur können, wenn wir uns erst einmal selbst erkannt haben. Sind wir ein gutes Team, das derartige Wandlungsräume schaffen will, dann sind die Chancen, dass dies gelingt, besonders groß. Um Wandlungsräume (mit) zu gestalten brauchen wir ein Team,

  • das aus sensitiven, achtsamen, selbstreflexiven Menschen besteht, die untereinander so viel Vertrauen geschaffen haben, dass sich alle öffnen können und nicht mehr hinter ihren Masken verstecken müssen,
  • das sich gegenseitig wertschätzt, ermutigt, inspiriert, ergänzt,
  • das gemein­sam aus seinem Inneren heraus wirkt, weil sich alle auf ihre innere Quelle ausrichten,
  • das geschwisterlich und freundschaftlich miteinander umgeht,
  • in dem alle ge­gen­seitig ihre Grenzen respektieren und auch frei genug sind, es mitzuteilen, wenn sie ihre Grenzen verletzt fühlen.

Im Idealfall handelt es sich um ein Team, das sich innerlich so nah ist, dass sie sich alles sagen können, ohne einander zu verletzen und dass sie keine Geheimnisse mehr voreinander haben. Niemand denkt oder em­pfindet schlecht über den oder die Andere, weil sich alle der Kraft ihrer Gedanken und Gefühle bewusst sind und weil alle ihr Möglichstes tun, um Niemanden zu ver­letzen. Ein solches Team bildet gleichsam ein Farbenspektrum des Regenbogens, dessen Farben alle gleich wichtig sind, weil sie zusammen weißes klares Licht bilden. Wenn sich in einem solche Team alle gleichermaßen mitverantwortlich für die Gestaltung eines Seminars / einer Veranstal­tung fühlen und auch danach handeln, dann kann durch diese Menschen „weißes klares Licht“ (die Synergie der Farben des Farbenspektrums) in die Veranstaltung einstrahlen und ein Energiefeld schaffen, in dem das Bewusstsein aller Beteiligten angehoben wird. In diesem energetischen Zustand erhalten alle Beteiligten vermehrt Impulse aus ihrem Inneren, gewinnen mehr Klarheit, Ermutigung, Inspiration und Mut, um das auszusprechen, was sie sich nie getraut haben, um das zu zeigen, was an Potenzial in ihnen schlummert und um die Verletzungen, die sie möglicherweise noch mit sich herumtragen, anzuschauen und zu bereinigen. Dadurch finden sie tiefer in ihr inne­res Herz, weil sie dadurch innerlich freier, unbelasteter, vorurteilsfreier und offener wer­den. Die Angst, erneut verletzt, nicht mehr geliebt, in seinen Grenzen bedroht, ausgegrenzt oder gar der eigenen Lebensgrundlage beraubt zu werden schwindet. In einer solchen Atmosphäre – die als Wohlfühlatmosphäre empfunden wird – können Wandlungsträume entstehen. Den Beteiligten scheinen dort „Schuppen von den Augen“ zu fallen, sie empfinden es so, als ob das Brett vor dem eigenen Kopf weggezogen wird und sie nun ganz klar das fühlen, empfinden und erkennen kön­nen, was sie als nächsten Schritt tun können, um Schritt für Schritt ihren „Wandlungstraum“ herauszufinden – eine Aufgabe, die sie als ihr Herzensprojekt empfinden und für die sie „brennen“.

Wer dies nicht irgendwann – auch nur ansatzweise – erlebt hat, wird alle diese Worte so empfinden, wie Jemand, dem man vom Verliebtsein erzählt, der dies aber selbst noch nie erlebt hat.

 

Durch Konflikte gemeinsam wachsen

Wandlungsräume sind keineswegs konfliktfreie Zonen, in denen sich die Beteiligten nach dem Motto verhalten „piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“ und alles, was möglicherweise einen Konflikt bedeuten könnte, unter den Teppich gekehrt wird. Im Gegenteil: Konflikte werden hier als heilsame Wachstumsprozesse angesehen, weil alle Beteiligten den tiefen Wunsch in sich tragen, wirklichen Frieden untereinander zu finden und sie sich aus diesem Grunde trauen, alles anzusprechen, was einer maskenhaften Scheinharmonie entgegensteht. Wenn ungeklärte Dinge, unterschied­li­che Erwartungen, Ängste, Empfindlichkeiten, gefühlte (Grenz-)Verletzungen auf den Tisch kommen, dann ist dies heilsam, denn dann kann das, was normalerweise im Geheimen bleibt, unsere geheimen Gedanken und Gefühle, die wir uns nur mit unseren engsten Freunden, dem Partner, evtl. den Eltern trauen zu teilen, bearbeitet werden. Je öfter Teammitglieder die Erfahrung machen, dass es positiv  ist, schwe­lende Konflikte, ungute Gefühle etc. anzusprechen, weil sie sich ernst genommen, ge­achtet und verstanden fühlen und dadurch ein Konflikt aufgelöst und in positive Energie umgewandelt werden kann, um so mehr wächst das Vertrauen in eine Gemeinschaft.

 

Gemeinschaft bilden

Wenn ein Leitungsteam derartige Schritte – und noch etliche andere – getan hat, wächst es immer mehr zu einer inneren Gemeinschaft zusammen, einer Gemeinschaft, in der sich alle immer mehr trauen, ihr Innerstes nach Außen zu kehren, in der Niemand bevorzugt oder benachteiligt, Niemand auf- oder abgewertet wird, in der alle füreinander da sind und sich immer bewusster werden, dass es in jedem Augenblick auf sie, ja, genau auf sie, ankommt. Jeder Impuls, den ein Teammitglied aus seinem Inneren empfängt, ist wichtig und sollte ins Team eingebracht werden. Das tun die Einzelnen allerdings nur dann, wenn sie sich gleichwertig fühlen, wenn sie so viel Selbstvertrauen gewonnen haben, dass ihnen bewusst ist: Dieser Impuls, den ich gerade habe, ist wichtig, ich teile ihn in der Gruppe, um ihr zu helfen.

Doch leider ist es bei den meisten Menschen so, dass sie sich selbst zu wenig lieben und darum zu wenig Selbstvertrauen haben. Daher zeigen sie das, was sie in ein Team einbringen könnten, ihr eigentliches Potenzial, nicht oder zu wenig. Wer sich selbst zu wenig wertschätzt, wer sich selbst zu wenig liebt, kann dies auch bei anderen nicht. Wir bleiben dann Nachahmer, die auf die Anderen schauen, die es angeblich besser wissen, besser können, die redegewandter sind, besser argumentieren können usw. Unsere eigenen Empfindungen, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, das haben wir einfach zu wenig geübt.

Um Wandlungsräume zu fördern, gilt es also, eine Kultur der Wertschätzung und Dankbarkeit zu pflegen. Wer sich selbst öffnet und seine Bedürfnisse, Gefühle und Empfindungen mitteilt, ist Vorbild, verdient dafür stets Respekt und Ermutigung. Es kommt also darauf an, dass Menschen zunächst Kernteams bilden, zu inneren Gemeinschaften zusammenwachsen, um dann wiederum weitere Menschen (z. B. Seminarteilnehmende) dazu einzuladen, selbst auch Teil dieser inneren Gemeinschaft zu werden.

 

Sicherheit gewährleisten und Grenzen respektieren

Wir leben in einer Gesellschaft, in einem Wertesystem und in Beziehungszusammen­hängen, in denen unsere Grenzen ständig von Irgendjemand verletzt werden. Die Grenzen sind dabei für jeden Menschen individuell verschieden:

  • Den einen stört es, wenn der Koch den Löffel ableckt oder – nach der so genannten 3-Sekunden-Regel – ein Lebensmittel, das auf den Boden gefallen ist, aufhebt und weiterverwendet, andere stört das nicht.
  • Den einen stört es, wenn andere unpünktlich sind und eine Gruppe ständig auf sie warten muss. Sie fühlen sich nicht respektiert, nicht wertgeschätzt und empfinden das als Energieraub. Andere tolerieren das und nutzen die Wartezeit flexibel mit Smalltalk oder dem Lesen eines Buches, das sie immer bei sich tragen.

Grenzverletzungen finden ständig und so häufig statt, dass sie uns oftmals gar nicht mehr auffallen:

Menschen lästern z. B. über eine Person, die ihrer Ansicht nach ein zu großes Hygienebedürfnis hat und – aus ihrer Sicht – zu „Etepetete“ ist. Andere Personen stimmen in das Lästern ein, grenzen also die Person innerlich aus. Das Lästern erfolgt nicht in ihrem Beisein, es geschieht im Geheimen, hinter ihrem Rücken. Aber Menschen fühlen derartige Energien trotzdem und fühlen sich verletzt. Das Vertrauen ineinander wird zerstört. Es entsteht kein Wandlungsraum, sondern ein Raum der Angst, der Trennung und des Gegeneinanders. Die verletzte Person, die eine derartige Verletzung nicht reflektieren und positiv verarbeiten kann, die nicht gleich den Anderen vergeben kann, bleibt geschädigt, möglicherweise für ihr ganzes Leben, so lange jedenfalls, bis sie sich selbst erkennt und den Anderen vergibt.

Alle derartigen Verletzungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens erlebt haben, können dazu führen, dass Menschen ihr eigentliches Potenzial, das in ihnen steckt, nicht leben bzw. leben können. Denn die einmal erlebten Verletzungen, selbst wenn man sie schnell unter den Teppich gekehrt und „Gras darüber wachsen hat lassen“, sie also verdrängt hat, beeinflussen uns ständig. Erleben wir wieder eine ähnliche Situation, tauchen Ängste vor erneuter Verletzung auf. Der Mensch geht in Abwehrhaltung oder wertet den anderen Menschen ab, um sein irgendwann verletztes Selbstwertgefühl zu schützen und wieder herzustellen, oder er verschließt sich. Nicht verarbeitete Konflikte und Ängste führen also dazu, dass Menschen sich verschließen, dass sie ihr Herz zumachen, anstatt es zu öffnen, dass sie sich innerlich von anderen trennen oder abgrenzen. Sie bauen über und um ihr inneres Herz eine Mauer, einen inneren Schutzwall, mit dem sie sich unbewusst vor erneuten Verletzungen schützen wollen. So kommt es, dass wir in einer Welt leben, in der wir es als „normal“ ansehen, dass Menschen Ängste, Blockaden, innere Mauern und verschlossene Herzen haben – weil sie persönliche Verletzungen, so genannte „schlechte“ Erfahrungen, nicht positiv verarbeitet haben. Unbewusst – oder manchmal auch bewusst – übertreten auch sie die Grenzen Anderer, schließen sie aus ihrem Herzen aus, haben Angst vor ihnen und machen ihnen Angst, bevorzugen den Einen und benachteiligen den Anderen. So entsteht eine Welt der Trennung, eine Welt, in der wir Menschen einander als „fremd“, als voneinander „getrennt“, manchmal gar als „Feinde“ ansehen.

Grenzüberschreitungen führen also immer zu Verletzungen, bei denen das Selbstwertgefühl und die Würde einer Person angetastet werden. Was sich im Inneren der Menschen abspielt, zeigt sich – im Kleinen wie im Großen – auch im Äußeren. Wir bauen Mauern, errichten Zäune – im Kleinen, wie im Großen.

 

Innere Blockaden erkennen und auflösen

Wandlungsräume sollen Räume sein, in denen Menschen ihr Vertrauen ineinander wiedergewinnen, indem alte Verletzungen hochperlen, reflektiert, bearbeitet und vergeben werden können. Auf diese Weise werden Menschen innerlich freier. Die innere Belastung, die durch mangelnde Wertschätzung, Kränkungen, Verletzungen des Selbstwertgefühls sowie der eigenen Würde entstanden sind, bedeuten für die betroffenen Menschen eine Last, eine Belastung, manchmal sogar ein Trauma. Sie fühlen sich darum auch nicht wirklich frei, denn sie sind noch an die alten Verletzun­gen sowie die Personen, die sie ihnen zugefügt haben, gebunden. Gebunden heißt, dass sie gegenüber diesen Personen noch Ablehnung, Hass, Wut, Verärgerung empfinden und dann – wenn sie wieder ähnlichen Menschen in ähnlichen Situationen begegnen – „getriggert“ werden. Das heißt, sie werden an frühere Schmerzen, an noch nicht aufgelöste Konflikte erinnert. Dann können sie sich entscheiden: Entweder sie erkennen das, schauen tiefer, vergeben und erkennen den eigenen Anteil an dem damaligen Konflikt oder sie entwickeln Antipathie, Ablehnung, Trennung und Vorbehalte gegenüber einer Person bzw. einer Situation, an die sie noch gebunden sind.

Echte innere Gemeinschaften können dabei helfen, derartige tiefer liegende Konflikte zu erkennen, weil mehrere Menschen, die einander Spiegel sein können, mit unterschiedlichen Erfahrungen, gelösten und möglicherweise noch nicht gelösten Konflikten zusammenkommen, die da, wo der oder die Eine den „blinden Fleck“ hat, klarer sehen und die sich somit einander helfen können, die inneren Blockaden aufzulösen.

 

Peer to Peer Prinzip – auf die inneren Schritte kommt es an

Solche Gemeinschaften sollten wir uns bemühen zu schaffen bzw. zu fördern. JedeR einzelne, dem diese Zusammenhänge bewusst sind, kann dies tun. Teams, denen diese Dinge bewusst sind, können dies noch besser tun. Es leuchtet ein, dass es dafür nicht nötig ist, ein Team zu haben, das ausschließlich aus zertifizierten Fachkräften – Pädagog*innen – besteht, denn ihr Titel ist keine Gewähr dafür, das sie die beschriebenen inneren Schritte getan haben. Auch sehr junge Menschen können in diesem Sinne ihre entwickelten inneren Werte und ihre Erfahrungen einbringen, um einen solchen energetischen Raum – einen Wandlungsraum – zu schaffen. Denn auf dem Weg zu unserem inneren Selbst, dem Weg der Erschließung und Entwicklung von inneren Werten, dem Weg zu unserer inneren Weisheit, sind wir alle gleich – wir begegnen uns auf Augenhöhe. Niemand ist besser, niemand schlechter, wir sind alle Geschwister, die „in einem Boot“ sitzen. Ob ein Mensch durch das Gehen dieses Wegs nach Innen Weisheit erlangt hat oder nicht, das ist keine Frage des Alters oder der beruflichen Qualifikation, sondern des persönlichen Vorbilds. Weisheit ist die gelebte, selbstlose Tat sowie des dadurch erschlossenen Bewusstseins. Ein weiteres, selbstloseres Bewusstsein, das durch inneren Wandel entsteht sowie Vorbilder durch die gelebte Tat, das ist es, was unsere Welt für den Wandel braucht. Denn alle Worte, alles Wissen, das nicht (vor-)gelebt wird, sind und bleiben schal. Sie berühren nicht und sie tragen keine Früchte.

Während unsere Wissenschaft in ihren Forschungsvorhaben noch danach fragt, woher die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln kommt und sich darüber wundert, dass noch so viel Wissen, das sie „geschaffen hat“, nicht automatisch dazu führt, dass Menschen daraus Konsequenzen ziehen, sich selbst, ihr Denken, Fühlen, Handeln sowie ihren Konsum- und Lebensstil ändern, sind es jugendliche „Initiativen der Transformation von Unten“ die mit einem neuen, hierarchiefreieren Miteinander experimentieren und auf diese Weise das schaffen, was in den bestehenden Bildungsstrukturen fast überall fehlt: echte Wandlungsräume, in denen Wandlungsträume wachsen können.

Um Wandlungsräume zu schaffen, in denen die Bedingungen dafür möglichst optimal sind, dass alle Beteiligten sich ermutigt fühlen, ihre nächsten Schritte des persönlichen Wandels zu tun, ist es bei Seminaren mit jungen Menschen von großem Vorteil, wenn – nach dem Peer-to-Peer-Prinzip – junge Menschen im Leitungsteam eingebunden sind. Denn sie wirken wiederum inspirierend und als Vorbild, um andere junge Menschen (z. B. Teilnehmende eines Seminars) dazu anzuregen, sich auch mehr zuzutrauen und in mehr Verantwortung hineinwachsen zu wollen.

Hast Du selbst Erfahrungen mit der Gestaltung von Wandlungsräumen gesammelt? Wir freuen uns auf deinen Kommentar!

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