Was ist der Unterschied zwischen „Umweltbildung“ und „Mitweltbildung“?

Im Artikel Umweltbildung – was ist das eigentlich?“ bin ich bereits darauf eingegangen, wie unterschiedlich die Sichtweisen dessen sind, was unter „Umweltbildung“ verstanden wird.

 

Umweltbildung als Reaktion auf zunehmende Umweltkrisen

Um­welt­bil­dung ist eine recht junge Disziplin, die in den 70er Jahren in Ver­bindung mit der Umwelt­be­we­gung als Reaktion auf die zunehmenden Umweltkrisen ent­stand. Menschen wurde bewusst, dass wir unsere „Um“-welt, also die Welt um uns Menschen herum – Wasser, Luft und Erdboden – schädigen, vergiften, verschmutzen und zerstören, wenn wir mit der Erde weiterhin so rücksichtslos umgehen. Die Umweltbewegung wandte sich gegen die rücksichtslose Ausbeutung der Erde, gegen die gefährliche Atomenergie, gegen die konventionelle Landwirtschaft mit ihren chemischen Kampfstoffen, Pestiziden und Unkrauvernichtungsmitteln, gegen die Ausrottung von Tierarten und vieles mehr.

Die Umweltbildung entstand in diesem Zusammenhang als Bildung, die ein ökologisches Bewusstsein fördern sollte, ein Bewusstsein darüber, dass der Mensch Teil eines ökologischen Systems ist und dieses daher nicht gefährden darf, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.

Später, im Jahr 1992, haben 172 Staaten in Rio de Janeiro die Agenda 21 beschlossen, deren Ziel eine nachhaltige Entwicklung ist. Das bedeutet, dass die Menschheit darauf bedacht sein sollte, mit den Schätzen der Erde verantwortungsvoll umzugehen, also nur so viel zu verbrauchen, wie auch wieder nachwächst, und darauf zu achten, dass ihre Handlungen weder andere Menschen in der Gegenwart schädigen, noch die Lebensgrundlagen der zukünftigen Generationen. Ziel der Agenda 21 ist es auch, mehr soziale, globale Gerechtigkeit zu fördern. Auf der Grundlage der Agenda 21 entstand die Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Es fällt auf, dass weder die Umweltbewegung, noch die Umweltbildung, noch die Bildung für nachhaltige Entwicklung

  • die Anwendung von Gewalt,
  • das menschenzentrierte Weltbild
  • die ungerechte Verteilung von Schätzen der Erde
  • das Prinzip „Eigentum“
  • Ausbeutung von Menschen, von Tieren und Natur
  • und vieles mehr

grundsätzlich in Frage stellen.

 

Mitweltbildung oder Mitweltpädagogik – was ist das?

Wenn es für die so genannte Umweltbildung bisher noch keine klare Definition gibt, so trifft dies auf die Mitweltbildung noch viel mehr zu. Wer im Internet recherchiert, findet zwar ver­schiedene AutorInnen, die ihre Sichtweise als „Mitweltpädagogik“ oder als „Mitweltbil­dung“ be­zeichnen, allerdings fehlt auch hier eine klare Definition oder ein einheitliches Konzept. Die Begriffe Mitweltpädagogik oder Mitweltbildung werden hier meistens in dem Sinne verwendet, dass auf die Rechte von Tieren Wert gelegt wird, dass es also um eine erweiterte Sichtweise als die der Umweltbildung geht. Mitweltbildung will somit im Sinne dieser AutorInnen nicht nur ein Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge und globale Gerechtigkeit, sondern auch dafür schaffen, dass Tiere ein Recht auf Leben und Würde haben.

Das ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur „Umweltbildung“. Trotzdem trifft auf Mitweltpädagogik bzw. Mitweltbildung, so wie diese Begriffe derzeit von unterschiedlichen Menschen verwendet werden, auch das zu, was Kandeler schreibt:[1]:

Umweltpädagogik ist eine nach allen Seiten offene, dynamische Angele­genheit, die sich ständig weiterentwickelt.“

De Haans Einschätzung der Umweltbildung könnte somit auch auf Mitweltbildung zutreffen:

„Kurz: Die Umwelt­bil­dung als Disziplin hat es im außer­schu­lischen Bereich nicht zu einer klaren Definition ihres Themen- und Auf­gaben­feldes gebracht.“[2]

 

Klare Definition von Mitweltbildung

Das im Handbuch „Das Erdschützerprojekt – Pädagogik für eine lebenswerte, friedliche Zukunft beschriebene Konzept will einen Beitrag dazu schaffen, erstmals eine klare Definition dessen zu geben, was wir unter Mitweltbildung bzw. Mitweltpädagogik verstehen.

Mitweltpädagogik sehen wir als ein ganzheitliches Konzept das sich an der Vision einer gewaltfreien, friedlichen Erde für Menschen, Tiere und Natur orientiert. Menschen- Tier- und Naturrechte werden als unteilbar angesehen. Dahinter steht das Bestreben, unnötiges Leiden, Diskriminierung, Ausbeutung und Tod anderer fühlender Lebewesen zu verringern und zu vermeiden. Dafür bildet die Goldene Regel – Was Du nicht willst, das man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu“ –, auch keinem Tier und der Natur, eine Orientierungshilfe.

Im Handbuch „Das Erdschützerprojekt – Pädagogik für eine lebenswerte, friedliche Zukunft wird sehr konkret dargestellt, was wir unter Mitweltbildung bzw. Mitweltpädagogik verstehen, das heißt,

  • welche Werte,
  • welche Visionen,
  • welches Menschenbild,
  • welche Bildungsprinzipien, -ziele und –inhalte

dieses Konzept prägen.

Mitweltbildung, so wie wir sie verstehen, geht noch einen Schritt weiter als Umweltbildung, die ein ökologisches Bewusstsein fördern will. Mitweltbildung im Erdschützerprojekt sieht den Menschen also nicht als Mittelpunkt des Universums, der das Recht hat, Natur zu zerstören und Tiere ihres Rechts auf Leben und Würde zu berauben, sondern als Hüter und Beschützer der Erde.

Aus Sicht dieser Mitweltbildung sind wir alle Gäste auf der Erde und sollten uns auch so verhalten – wertschätzend, achtungs- und verantwortungsvoll. Die Mitwelt des Menschen – das sind alle anderen Lebewesen, Tiere, Pflanzen, Menschen sowie die Elemente Wasser, Luft und Erdboden – haben einen Wert an sich. Sie verdienen Achtung, Respekt und Fürsorge. Sie haben einen Eigenwert, einen Wert an sich. Sie sollten daher vom Menschen nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit für den Menschen betrachtet werden.

 

 Welche Rechte haben Menschen und Tiere?

Daraus ergibt sich, dass wir uns mit tiefer gehenden Fragen auseinandersetzen sollten:

  • Haben Tiere Rechte? Haben sie – ebenso wie Menschen – ein Recht auf Würde, auf Leben, auf Freiheit, auf Lebensraum? Oder hat der Mensch das Recht, ihnen diese Rechte zu nehmen?
  • Wem gehört die Erde?
    • Darf der Mensch sich Land, Boden und Bodenschätze der Erde einfach aneignen oder gehört die Erde Niemandem?
    • Ist die Erde sowie jedes Stückchen Land oder Gewässer eine Leihgabe oder ein Geschenk der Erde, das gerecht unter Tieren und Menschen geteilt werden sollte oder ist sie eine Verfügungsmasse, die Menschen nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt oder wer stärker ist, hat das Eigentumsrecht“ unter sich aufteilen dürfen?
  • Hat der Mensch das Recht, seine Interessen nach dem Prinzip „Der Stärkere hat Recht“ mit Gewalt durchzusetzen oder haben alle Menschen gleiche Rechte?
  • Hat der Mensch das Recht, andere Lebewesen zu töten oder haben alle fühlenden Lebewesen gleiche Rechte?
  • Hat der Mensch das Recht, die (Lebens-)Energie anderer Lebewesen, seien es Menschen oder Tiere, zu rauben, sie also zu benutzen und auszunutzen, um sich selbst zu bereichern, um sich selbst mehr Chancen, mehr Möglichkeiten, mehr Macht, Besitz, Freiheit als anderen Menschen oder Tieren usw. zuzuteilen? Oder ist es die Aufgabe von uns Menschen, einer dem Anderen zu dienen, zu teilen und dafür zu sorgen, dass es allen Lebewesen auf diesem Planeten gut geht?

 

Benedikt-quadratisch

Der 10jährige Bendedikt hielt einen Vortrag im Kindergarten seiner Schwester, um die jüngeren Kinder für Tierrechte zu sensibilisieren

 

 

Worin liegen die Ursachen der Probleme dieser Erde?

Welches Menschenbild haben wir?

Wenn wir eine klare Definition dessen wollen, was wir unter Umweltbildung oder Mitweltbildung verstehen, kommen wir nicht darum herum, die Ursache der Probleme der Erde zu analysieren. Dabei sollten wir genauer anschauen, welches Menschenbild hinter unserem gegenwärtigen Wertesystem steckt. Wir sollten dann beleuchten, wo und wie dieses Menschenbild unser Denken und Handeln prägt und wie es durch unsere schulische Sozialisation für uns zur „Normalität“ wurde. Denn in unserem Schulsystem spiegelt sich das Wertesystem unserer Gesellschaft wider.

 

Dieses Wertesystem geht von einem Menschenbild aus, das

    • direkte Gewalt gegen Menschen (z.B. Kriege) sowie strukturelle Gewalt (Menschen ihrer Lebenschancen berauben, Menschen in armen Ländern verhungern lassen, Abschottung gegen Flüchtlinge, …) für legitim hält,
    • insbesondere Gewalt gegen Natur und Tiere (Jagd, Tierversuche, Tierausbeutung, Tiertötung, Stierkämpfe, Einbringen von Giften in das Lebensnetz und vieles mehr…) für akzeptabel hält,
    • die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, sowohl innerstaatlich, als auch außerstaatlich, für „normal“ und ethisch akzeptabel hält,
    • die ungleiche Chancenverteilung im Bildungssystem zulässt (in Deutschland studieren z.B. 73% der Akademikerkinder, aber nur 27% der Nichtakademikerkinder)
    • die ethische Haltung „Jeder ist sich selbst der Nächste“ befördert,
    • den Menschen als höherwertiges Lebewesen ansieht, das Tieren das Recht auf Leben und Würde nehmen und die Natur rücksichtslos ausbeuten und zerstören darf,
    • Schulzwang für gerechtfertigt ansieht,
    • Kindern, Jugendlichen, selbst jungen Erwachsenen in ihrer beruflichen Ausbildung weitgehend vorschreibt, was – und sogar – wie sie zu lernen haben,
    • den Menschen aus einem materialistischen Weltbild heraus begreift, also nur das als Realität anerkennt, was mit den derzeit verfügbaren, wissenschaftlichen Methoden nachweisbar ist,
    • Kindern und Jugendlichen kein Wahlrecht und nur geringe Mitwirkungs- und –entscheidungsrechte zubilligt, sie also von demokratischer Mitwirkung in vielerlei Hinsicht ausschließt und als unmündig betrachtet,[3]
    • BürgerInnen überhaupt wenig Mündigkeit zutraut, weil politische Entscheidungen von StellvertreterInnen, also PolitikerInnen, getroffen werden und es wenig direkte Demokratie gibt,
    • es für „normal“ ansieht, wenn zwischen (Umwelt-)Wissen und Handeln eine große Lücke klafft, das also Scheinheiligkeit als Normalfall akzeptiert.

 

Fazit

Wenn wir also die tieferen Ursachen der gegenwärtigen Krisen auf der Erde sowie das dahinter stehende Wertesystem und Menschenbild reflektieren, dann kommen wir zu dem Schluss, dass wir unser gegenwärtiges Bildungssystem grundlegender überdenken und verändern müssen. Wie dies aussehen könnte, erläutert die utopische Beschreibung einer Erdschützerschule im Vorspann des Handbuchs „Das Erdschützerprojekt – Pädagogik für eine lebenswerte, friedliche Zukunft“, die Du mit der kostenlosen Leseprobe erhältst. Ein ganz praktischer Schritt zur Veränderung von universitärer Ausbildung ist auch unser soziales Experiment Selbstlernstudium in Bildung zum Schutz der Erde / Mitweltbildung. Warum wir dieses anbieten, erfährst Du in diesem Artikel.

 

Wie sieht Dein Menschenbild aus? Welche Werte vertrittst Du? Wie wünschst Du Dir folglich die Zukunft der Erde? Wir freuen uns auf Deinen Kommentar!

________

[1] „Kinder lernen Umwelt schützen“, Handbuch für Umweltpädagogik in Kindergarten & Grundschule, Jiri Kandeler, 2005,  Natur & Umwelt Verlagsgesellschaft, Berlin.

[2] Umweltbildung in Deutschland“, Katharina D. Giesel, Gerhard de Haan, 2002, Springer Verlag, Berlin.

[3] Auch in Deutschland gibt es eine Bewegung, die erreichen will, dass Kinder und Jugendliche ab ihrer Geburt das prinzipielle Recht haben, sich an Wahlen und Volksabstimmungen zu beteiligen.

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