Werde vegan – wie Du vom Kopf ins Herz findest

Eine vegane, insbesondere eine biovegane Lebensweise hat vielfältige Vorteile für Menschen, Tiere und Natur. In den Medien gibt es immer mehr Artikel, Filme, Talkshows und Diskussionen zu diesem Thema. Vegan liegt im Trend. Focus online titelt: „Schlank, fit, gesund – Warum Veganer heute als gesunde Trendsetter gelten. Studien belegen positive Effekte„. Fakt ist, dass eine biovegane Lebensweise das Leben vieler Tiere retten und viel Leid vermeiden kann, dass der Klimawandel sowie die Regenwaldabholzung dadurch am schnellsten gebremst und dass viel mehr Menschen ernährt und wertvolle Ressourcen wie Wasser und fossile Brennstoffe eingespart werden können. Obwohl diese Fakten immer mehr Menschen kennen, fällt es vielen Menschen dennoch schwer, vegan zu werden.

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Wusstest Du, dass für die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch 15.500 Liter Wasser verbraucht werden, eine Menge, mit der ein Mensch ein Jahr lang täglich duschen kann?

 

Warum ist das so? Warum fällt es vielen Menschen so schwer, den Schritt vom Wissen zum Handeln zu machen? Wie kannst Du vom Kopf ins Herz finden?

Gerechtigkeit war für mich schon als Jugendlicher ein sehr hoher Wert. Es war mir klar, dass mein eigener Lebensstil nur dann gerecht sein kann, wenn alle Menschen auf der Erde so leben könnten wie ich. Als mich zu Beginn meines Studiums eine Freundin darauf aufmerksam machte, dass ich mit meinem Fleischkonsum zum Leiden und Tod von Menschen beitrage und dies der Gerechtigkeit, die ich propagierte, widersprach, berührte mich das. Sie schenkte mir ein vegetarisches Kochbuch, in dem ich bereits damals las, dass durch die Umwandlung pflanzlicher Nahrung in Fleischnahrung viele Kalorien verschwendet werden. Ich beschloss daher, von einem Tag auf den anderen, Vegetarier zu werden und gab dies in meiner Studenten-WG bekannt. Dort wurde meine Entscheidung belächelt. Vegetarier/in zu sein war damals noch ein höchst seltene Ausnahme. Ich kannte Niemanden – außer jene Freundin -, der so lebte. „Das machst du ja nur, weil Dir das das Mädchen eingeredet hat, aber in Wirklichkeit willst Du doch nach wie vor gerne Fleisch essen“, meinten meine Mitbewohner/innen. Ich dachte darüber nach. Ein Stück weit hatten sie recht. Also kochte ich in Zukunft stets vegetarisch und bemühte mich, meine Mitbewohner/innen mit meinen Kochkünsten von der leckeren Alternative zu überzeugen. Wenn die Anderen Mahlzeiten mit Fleisch kochten, fragte ich jedes Mal in mich hinein, ob ich das jetzt wirklich essen will und tat es nur, wenn es mich wirklich danach drängte. So reduzierte sich mein Fleischkonsum Schritt für Schritt und ich lernte gleichzeitig, bewusster zu speisen. Der tierethische Gedanke war mir jedoch noch fremd. Wenn Tiere ein gutes Leben in Freiheit hatten, also in freier Natur lebten oder wenn sie gut gehalten wurden, dann wäre ein kurzer, schmerzloser Tod für sie auch nichts anderes, als wenn ein Raubtier sie als Beute nähme, dachte ich mir. Das führte aus Kostengründen zwar nicht dazu, dass ich so genanntes „Biofleisch“ kaufte, aber ich aß in seltenen Fällen Wild. Dass das Wild in Wirklichkeit in der Regel gar nicht sofort starb, dass Jäger ihm hinterhältig auflauerten oder es mit Futter anlockten, sodass die Tiere gar keine Chance hatten, ihr Leben zu retten, so weit dachte ich nicht.

10 zu 1 Verschwendung

Verschwendung von Nahrungkalorien für die Umwandlung von pflanzlichen in tierische Lebensmittel.

Die Welt, wie ich sie sah, war nicht so

Eines Tages wünschten sich meine Freunde, die ich zum Essen einlud, lebend frische Forelle. Da ich mir in meiner Naivität vorstellte, dass diese Forellen lustig in einem Schwarzwaldbächlein dahin schwammen, bis sie irgendwann in einem Netz taumelten, entsprach das für mich damals meiner dargelegten Weltsicht: „Fressen und gefressen werden, das ist in Ordnung, wenn Tiere vorher ein glückliches, freies Leben hatten.“ Ich trampte also extra zu einem Feinkostgeschäft in der nächst gelegenen Großstadt. Die lebend frischen Forellen schwammen dort in Aquarien hin und her und ich konnte aussuchen, welche ich haben wollte. In dem Moment, als die Verkäuferin die Forellen jedoch aus dem Bassin holte und ihnen mit einem Hammer auf den Kopf schlug, war das für mich wie ein Stich im Herz. Auch wenn das meiner damaligen Philosophie entsprach, auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass meine zusammengebastelte Sichtweise gar nicht stimmte, die Forellen in Wahrheit aus einer Forellenzuchtanlage stammten, nach diesem Erlebnis war mir klar: Das würde ich nicht noch einmal machen.

Einige Jahre später lebte ich mit Freunden in einem Landhaus mit großem Garten, wo wir alles, was wir besaßen teilten und alle Entscheidungen im Konsens gemeinsam trafen. Eines Tages hatte einer der Beteiligten die Idee, sich ein Schaf anzuschaffen. Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Er hegte und pflegte es. Doch eines Tages kam er – zusammen mit einem Freund, der ihn besuchte – auf die Idee, das Schaf zu schlachten, damit es auch mal Fleisch auf unseren Tellern geben sollte. Meiner damaligen Philosophie widersprach das nicht. Schließlich hatte das Schaf, so sah ich das damals, ein „glückliches Leben“. Doch ich wollte auf keinen Fall bei der Schlachtung mitwirken, geschweige denn irgendetwas davon mitbekommen und zog mich zurück. Als das Tier jedoch geschlachtet war, schrie mich meine damalige Freundin an: „Warum hast Du das nicht verhindert? Wie kann es zu Deinen hohen moralischen Ansprüchen passen, so etwas zuzulassen?“. In diesem Moment wurde mir bewusst: Sie hatte recht. Wie konnte ich es in Ordnung finden, Fleisch zu essen, obwohl ich es selbst nicht übers Herz brachte zu töten? Wie konnte ich das Töten anderen in Auftrag geben, nur um meine Hände selbst nicht mit Blut besudeln zu müssen?

Von da an ernährte ich mich also nur noch vegetarisch. Meine Kuhmilch fürs Müsli holte ich direkt vom Biobauern und beim Kuh- oder Ziegenkäse achtete ich darauf, nur solchen zu kaufen, der mit pflanzlichem Lab hergestellt war. Ich hatte mir wieder meine Welt so zusammengebastelt, wie ich sie sehen wollte: Die Kuh, so dachte ich, darf beim Biobauern bis zu ihrem natürlichen Tod leben und gibt, nachdem sie einmal ein Kälbchen geboren hatte, so lange Milch, bis man aufhört, sie zu melken. Und die Hühner, die Eier legen, dürfen auf Biobauernhöfen ebenso bis zu ihrem natürlichen Lebensende ein Leben leben, das „artgerecht“ zu sein schien.

Eines Tages, als ich auf dem Bauernhof warten musste, beobachtete ich die Kühe, die im Stall standen. Sie standen in Reih und Glied und aßen gemütlich aus den vor ihnen befindlichen Trögen das Heu. Je mehr ich mich in diese Kühe einfühlte, desto mehr empfand ich: „Ein glückliches Leben ist das doch nicht. Was heißt hier artgerecht? Ich würde als Kuh so nicht leben wollen.“ Es gab damals noch kein Internet, in dem man in Sekundenschnelle alles recherchieren kann. Daher konnte ich meine falsche, idyllische Vorstellung zum damaligen Zeitpunkt nicht ohne Weiteres überprüfen. Ich wusste nicht, dass Kühe und Hühner auf Biobauernhofen auch nur so lange gehalten werden, solange sie „rentabel“ sind und dann im Kindesalter geschlachtet werden. Ich wusste nicht, dass eine Kuh jedes Jahr künstlich befruchtet werden muss, um immer wieder ein Kälbchen zur Welt zu bringen, das ihr dann nach der Geburt weggenommen wird. Dass Kuhmutter und Kälbchen noch wochenlang nacheinander rufen, wusste ich nicht. Ebensowenig war mir bekannt, dass männliche Küken gleich nach dem Schlüpfen aus dem Ei aussortiert und bei lebendigem Leibe geschreddert oder vergast werden. Trotzdem führte die Empfindung, die ich damals hatte, dazu, dass ich gleich am nächsten Tag in den Bioladen ging und nach Kuhmilchalternativen suchte. Damals gab es allerdings nur Sojamilch – und schmeckte furchtbar wässrig.

 

Schrittweise Umstellung und bewusster leben lernen

„Oh lieber Gott“, dachte ich, „ das ist jetzt nicht Dein Ernst? Soll ich in Zukunft nur noch damit mein Müsli essen?“ Ich machte es also wieder wie beim Umstellen auf vegetarische Ernährung. Ich probierte ab und zu aus, mein Müsli mit Saft zu essen, bat aber meinen inneren Ratgeber darum, mir zu zeigen, wann die Zeit reif sei, um ohne Kasteiung auch auf sämtliche tierischen Lebensmittel zu verzichten, die ich noch zu mir nahm.

Vor etwa 16 Jahren bekam ich einen kräftigen Hautausschlag an den Händen, weshalb ich zu einem Allergologen ging, um untersuchen zu lassen, worauf ich allergisch reagierte. Das Ergebnis: Ich war allergisch gegen Fleisch und Fisch, gegen Kuhmilch- und gegen Weizenprodukte. Da ich ja schon ewig lang kein Fleisch und Fisch mehr gegessen hatte, deutete ich das für mich so, dass sich mein Körper umgestellt hatte mir nun signalisierte, dass er weder das, noch Kuhmilchprodukte haben wollte und brauchte. Nur Weizen – das verstand ich noch nicht ganz. Vielleicht reagierte ich nur auf konventionellen Weizen, der bekanntlich stark mit Pestiziden belastet ist? Vielleicht nur auf Weizen(produkte), die den lebendigen Keimling nicht mehr enthielten? Das probierte ich aus – und siehe da, den bioveganen Weizen aus friedfertigem Anbau, der den lebendigen Keimling enthält, vertrug ich.

Ich nutzte also die Impulse der Allegieuntersuchung dazu, um mich noch mehr mit dem Thema Kuhmilch zu befassen. Als ich dann herausfand, wie die Wirklichkeit tatsächlich aussah, nämlich so, wie ich es im letzten Abschnitt beschrieben habe, war für mich auch völlig klar, dass ich von nun an ausschließlich vegane, möglichst biovegane Lebensmittel zu mir nehmen wollte. Das war vor ca. 15 Jahren.

 

Vom Kopf ins Herz – wie wir lernen können, unsere harten Herzen aufzuweichen

Heute kann ein solcher Wandlungsprozess viel schneller erfolgen, weil es das Internet gibt und sich immer mehr Menschen für eine vegane Lebensweise entscheiden. Für mich aber dauerte es eine Zeit lang, bis ich die zusammengebastelte Weltsicht meines Kopfes durch das immer feinere Fühlenlernen korrigiert hatte. Wenn ich heute Talkshows anschaue, in denen es um Fleischkonsum und vegane Alternativen geht oder wenn ich Online-Diskussionen verfolge, dann habe ich für viele Sichtweisen Verständnis. Ich habe sie selbst schon gehabt.

An einer Frage scheiden sich die Geister immer wieder: Wer gibt uns eigentlich das Recht, anderen Lebewesen das Leben zu nehmen? Wer dieses Recht aus irgendwelchen religiösen Glaubenssätzen ableiten will oder aus einem „das war schon immer so“, sollte sich im Klaren darüber sein, dass dies dann die Bejahung des Rechts des Stärkeren wäre. Schon seit Menschengedenken haben sich Menschen über andere Menschen oder Tiere mit Gewalt, mit dem Recht des Stärkeren, durchgesetzt. Aber: wollen wir in einer solchen Gesellschaft leben? Wer dies bejaht, müsste dann auch damit einverstanden sein, dass – sollte unser Planet irgendwann von Supermenschen eines anderen Planeten erobert werden – uns Menschen das Gleiche widerfährt, wie wir es den Tieren antun.

Wer ebenfalls mit dem Für und Wider in Kopf und Herz kämpft, so wie mir es erging, der könnte sich einfach vornehmen, alles ganz bewusst zu tun, Beziehungen zu Tieren aufzubauen, ihnen in die Augen zu schauen, dabei auf die eigenen Empfindungen zu hören und sich gleichzeitig kundig zu machen, um sich Wissen darüber anzueignen, wie die Zustände, die vermutlich nicht nur ich mir gerne zurechtbog, tatsächlich aussehen. Wenn Du so vorgehst, wirst Du Deine Mitmenschen, die (möglicherweise noch) nicht die gleichen Lebensentscheidungen wie Du getroffen haben, nicht abwerten.

Im Rückblick kann ich sagen: Beziehungen zu allen Mitlebewesen zu vertiefen, feiner fühlen zu lernen, immer mehr Mitgefühl zu entwickeln, das eigene harte Herz aufzuweichen, sich Wissen anzueignen, um es dann in Handeln umzusetzen – und so immer mehr Liebe zu allem Sein zu entwickeln, ist ein Prozess, der immer weiter und tiefer geht. Und er braucht mehrere Ebenen.

In unserer Projektarbeit setzen wir daran an. Durch naturpädagogische Aktivitäten werden Kinder und Jugendliche angeregt, ihre Beziehungen zu Natur und Tieren zu vertiefen und ihr Herz zu öffnen. Durch spielerische Aktivitäten, erhalten sie Impulse und Informationen, um angeregt und motiviert zu werden, sich ständig eigenständig weiteres Wissen anzueignen. Durch praktische Aktivitäten werden – mit Freude und Genuss – leckere, alternative Mahlzeiten erprobt. Durch Spiele zur Selbstreflexion und Werteentwicklung sowie durch Partizipation wird das eigenständige Denken eingeübt. Kinder und Jugendliche werden darin bestärkt, ihre eigene ethische Orientierung zu finden, um sich freiwillig, wenn sie das wollen, immer mehr zu Erdschützerinnen und Erdschützern zu entwickeln. Durch das Leben in der Gemeinschaft bei den Projekten fällt es allen Beteiligten leichter, andere Perspektiven einzunehmen, andere Sichtweisen zu verstehen und die eigene zu überprüfen. Wenn Du dies alles auch für Dich selbst ausprobiert hast, dann bist für andere Menschen, seien es Kinder oder Erwachsene, ein/e verständnisvolle/r Begleiter/in, der aus der eigenen Erfahrung schöpfend anderen weiterhelfen kann.

 

Was hat Dir geholfen, um vom Kopf ins Herz zu finden? Wir freuen uns über Deine Erfahrungsberichte und Kommentare.

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