Umweltbildung – was ist das eigentlich?

Viele junge Menschen wollen ihre Talente und Fähigkeiten gerne in der „Umweltbildung“ einsetzen und auf diese Weise einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel leisten. Doch welcher Bildungsweg führt am ehesten zu diesem Ziel und erreicht die größte Wirkung?

Zweifellos sind Menschen, die „Umweltbildung“ praktizieren wollen, dringend gefragt, wenn damit erreicht werden kann,

  • dass Menschen auf freiwilliger Basis
    • ihren Konsum und Lebensstil, ihre Ethik und Werte, ihr Denken und Handeln überdenken,
    • tiefere Beziehungen zu Natur, Tieren sowie ihrer gesamten Mitwelt entwickeln,
    • sich die Fähigkeit zur kreativen Mitgestaltung aneignen,
    • sich darüber Gedanken machen, wie sie sich einen lebenswerten, gerechten Planeten der Zukunft wünschen und
    • sich auf den Weg machen, zu dem Wandel zu werden, den sie sich auf der Erde wünschen.

 

Doch wer hat welches Verständnis von „Umweltbildung“?

  • Was ist der Unterschied zwischen „Umweltbildung“ und „Mitweltbildung“?
  • Welches Verständnis von „Umweltbildung“ haben die Verantwortlichen an Universitäten oder in Weiterbildungen, die junge Menschen in „Umweltbildung“ ausbilden?
  • Befähigt Dich ein übliches Universitätsstudium tatsächlich am besten dazu, die ob genannten Ziele zu erreichen?
  • Finden wir an Universitäten tatsächlich PraktikerInnen vor, die nicht nur Wissen angehäuft haben, sondern über eigene Erfahrungen in verändern­der Praxis verfügen?
  • Besteht nicht die Gefahr, dass junge Menschen, die voller Hoffnung sind, durch ihr pädagogisches Wirken etwas zur positiven Veränderung auf der Erde beitragen zu können, am Ende von gesellschaftlichen Entwicklungen überholt werden und eben gerade keine Anstellung im umweltpädago­gischen Bereich finden, aber in ihrem Studium auch nicht gelernt haben, selbst etwas auf die Beine zu stellen und sich selbständig zu machen?
Erdschützerausbildung mit Kindern

Umweltbildung – Mitweltbildung … Was ist das eigentlich?

 

In einer Artikelserie möchte ich Dir zu diesen Fragestellungen Informationen, Denk­anstösse und Anregungen geben, damit Du – sofern zu den Menschen gehörst, die selbst gerne gute Umweltbildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung oder Bildung zum Schutz der Erde / Mitweltbildung praktizieren wollen – für Dich Entscheidungs­grundlagen findest, um die Weichen für Deinen Lebensweg richtig zu stellen.

 

Umweltbildung hat es nicht zu einer klaren Definition gebracht

Zum Begriff „Umweltbildung“ hier ein Auszug aus dem Handbuch „Das Erdschützerprojekt – Pädagogik für eine lebenwerte, friedliche Zukunft“. (In dem Text wird die nach der Grammatik männliche Form in einem neutralen Sinne verwendet, um den Text leichter lesbar zu halten. Er spricht immer Frauen und Männer in gleicher Weise an.):

 

Der Begriff „Umweltbildung“ wird als Sammelbegriff verwendet. Er schließt „Umwelterzie­hung“, „Umweltlernen“, „Ökopädagogik“, „Naturpädagogik“, „Ökologi­sches Lernen“, „Naturbe­zo­gene Päda­go­gik“, „Waldpädago­gik“, „Wildnispäda­go­gik“, „Natursen­sibi­lisie­rung“ und ande­re Begriffe ein.[1] Um­welt­bil­dung ist eine recht junge Disziplin, die in den 70er Jahren in Ver­bindung mit der Umwelt­be­we­gung als Reaktion auf die zunehmenden Umweltkrisen ent­stand. Kandeler schreibt:[2]

 „Umweltpädagogik ist eine nach allen Seiten offene, dynamische Angele­genheit, die sich ständig weiterentwickelt. Es ist daher müßig, sie eingrenzen und klar definie­ren zu wollen. Letztlich lässt sich zur Umweltpädagogik jede pädagogische Maß­nahme zäh­len, die in irgendeiner Form Natur und Umwelt einbezieht. Umgekehrt zählt jede Um­welt­schutzmaßnahme zur Umweltpädagogik, die direkt oder indirekt auf einen pädagogischen Effekt abzielt.“

Das wäre so, wie wenn wir sagen würden: Medizin (Heilkunst) ist alles, was in irgendeiner Form mit Gesundheit und Heilen zu tun hat. Nehmen wir weiter an, dass sich in unserer Ge­sell­schaft jeder, der möchte, Arzt nennen dürf­te – ohne dass dafür eine spezielle Ausbildung er­forderlich wäre. Wie schwer wäre es da, ei­nen Arzt zu finden, der seinen Beruf wirklich ver­steht und nicht irgendwie an uns herumdok­tert? Jeder gute Arzt müsste darum ringen, nicht in den Eintopf der Beliebigkeit geworfen zu werden. Genau das ist die Situation für Umwelt­pädagogen. Denn da die Berufsbezeich­nung „Umweltpädagoge“ nicht geschützt ist, kann sich jeder so nennen.

Man wird sich daher über die Einschätzung von Gerhard de Haan nicht wundern[3]:

„Wer sich hier verständigen will, hat es immer schon mit einem auße­rordentlich konfusen Konvolut an Vorstel­lun­gen, Ima­ginationen, starken sowie schwa­chen Behaup­tungen, mit Bes­ser­­wisserei und weitschweifigen, manchmal ermü­denden, ja lang­weiligen und oft über­raschend nichts sagenden Definitions­versuchen zu tun. Kurz: Die Umwelt­bil­dung als Disziplin hat es im außer­schu­lischen Bereich nicht zu einer klaren Definition ihres Themen- und Auf­gaben­feldes gebracht.“

Die gleiche Begriffsunklarheit sieht de Haan auch in Bezug auf den Begriff „Bildung für nach­haltige Ent­wick­lung“.[4]

Wundern wir uns, wenn bei dieser Beliebigkeit die berechtigte Frage gestellt wird, ob die Um­welt­­bil­dung tatsächlich hält, was sie verspricht, nämlich Lebensstiländerungen und Werte­re­fle­xion anzustoßen? Wie wollen die Nutznießer (Lehrkräfte, Eltern, Teilnehmer …) entschei­den, was ein Anbieter unter Umweltbildung versteht? Welche Werte, welche Vision, welche Ziele, welches Menschenbild und welche Bildungsprinzipien vertritt ein bestimmtes Umwelt­bildungs­konzept? Wie kann man die Spreu vom Weizen unterscheiden? Will heißen: Welche Kriterien sollten erfüllt sein, damit es sich um „gute“ Umweltbildung handelt?

Kandeler nennt zwei klare Ziele der Umweltbildung von gleichrangiger Priorität:

  • Die Entwicklung und Erziehung des Menschen zu umweltfreundlichem und ökolo­gi­schem Verhalten.
  • Den Schutz der Natur und Umwelt (und den Erhalt der Lebensgrundlage des Men­schen auf dem Planeten Erde).

Viele sehen die Naturwissenschaften als Basis für die Umweltbildung. Junge Menschen – so die Argumentation – müssen lernen, mit naturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen vertraut zu werden und naturwissenschaftliche Konzepte zu verstehen, um kompetent zu Pro­ble­men der Menschheit Stellung nehmen zu können.

Andere wiederum sehen die Ursache der Probleme der Erde in der Naturentfremdung des Men­schen. Darum sei es wichtig, über Naturerlebnisse die Beziehung und die Liebe zur Na­tur zu fördern, denn „was man kennt, schätzt man. Nur was man schätzt und liebt, wird man auch schützen.“

Offensichtlich stecken hinter den zahlreichen Begriffen, für die „Umweltbildung“ als Sammel­be­griff dient, wiederum viele unterschiedliche Sichtweisen, Werte, Visionen, Ziel­set­zungen und Inhalte. Die Begriffsvielfalt kann als Zeichen eines Suchprozesses angesehen werden, im Rahmen dessen vielerlei Disziplinen und Fachkräfte mit unterschiedlicher Ausbil­dung ei­nen pädagogischen Beitrag zur Lösung der Probleme der Erde leisten wollen. Ein solcher Such­­­pro­zess ist sicherlich positiv zu sehen.

Andererseits bedeutet die Begriffsun­klar­heit in der Praxis auch ein Hindernis. Man darf sich nicht wundern, dass die Umweltbildung in der Gesell­schaft keine besondere Wertschätzung erfährt, wenn damit so viele unterschied­liche Konzepte verbunden werden. Welche Ursa­chen­­ana­lyse, welche Qualität, welche Ziele, Inhalte, Bildungsprinzipien, welche Werte und welche Visionen stecken hinter den unterschiedlichen Praxisansätzen? Welche Überprü­fun­gen der Wirksamkeit gibt es?

In dieser Situation ist es dringend notwendig, überzeugend darzulegen und zu begrün­den, was man unter „Umweltbildung“ versteht und wie man den Erfolg der selbst prakti­zierten Um­welt­bil­dung belegen kann. Nur wenn ein spezielles Umweltbildungskonzept ein klares Profil hat, wird seine Qualität auch wahrgenommen und geschätzt. Nur dann können Geldgeber und Entscheidungsträger davon überzeugt werden, dass eine Förderung genau dieses Kon­zepts wichtig, effektiv und sinnvoll ist. Darum erläutern wir im Erdschützerkonzept genau, welche Ziele, Werte, Vision und welche Qualitätsmaßstäbe wir vertreten, um ein eigenes Mar­­ken- bzw. Wertezeichen zu schaffen. Wir hoffen darauf, damit auch andere anzuregen, dasselbe zu tun.

Im Handbuch „Das Erdschützerprojekt – Pädagogik für eine lebenswerte, friedliche Zukunft“ stelle ich auf S. 41 ff weitere pädagogische Richtungen (Naturpädagogik, Erlebnispädagogik, Earth Education, Bildung für nachhaltige Entwicklung) vor, die unter dem Begriff „Umwelt­bil­dung“ zu finden sind und erläutere dann, wie im Vergleich dazu das Erd­schüt­­zerkonzept einzu­ord­nen ist.

 

Im nächsten Artikel, der in einer Woche veröffentlicht wird, erfährst Du, was der Unterschied zwischen „Umweltbildung“ und „Mitweltbildung“ ist.

 

  • Was sind Deine Erfahrungen mit „Umweltbildung“ und Stellensuche?
  • Welche Art von Bildung willst Du gerne praktizieren?
  • Wie sollte eine universitäre Ausbildung Deiner Meinung nach aussehen?

 

___________________
Quellenangaben:

[1] „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“, BLK-Kommision, BLK Heft 69, Orientierungsrahmen, 1998.

[2] „Kinder lernen Umwelt schützen“, Handbuch für Umweltpädagogik in Kindergarten & Grundschule, Jiri Kandeler, 2005,  Natur & Umwelt Verlagsgesellschaft, Berlin.

[3] Umweltbildung in Deutschland“, Katharina D. Giesel, Gerhard de Haan, 2002, Springer Verlag, Berlin.

[4] „Die Kernthemen der Bildung einer nachhaltigen Entwicklung“, Gerhard de Haan, in: Zeitschrift für Entwicklungspädagogik, Heft 01/2002. URL: http://www.transfer-21.de/daten/texte/kernthemen.pdf. Zugriff: 17.05.2010.

 

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